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Kultur Angespuckt und ausgepeitscht
Nachrichten Kultur Angespuckt und ausgepeitscht
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00:00 11.03.2013
Völlige Entblößung vor dem Kruzifix: Ulrich Seidl hinterfragt in "Paradies: Glaube" das Wesen der Religion. Quelle: Neue Visionen Filmverleih
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Mehr christliche Symbole als in der Wohnung von Anna Maria (Maria Hofstätter) gibt es wahrscheinlich nicht mal im Petersdom. Auf dem Nachtschrank wartet Jesus jeden Abend auf seinen Gute-Nacht-Kuss, der Papst lächelt von der Küchenwand herab, an wirklich jeder Wand hängt ein Bild von Gottes Sohn oder ein Kruzifix. Im zweiten Teil seiner "Paradies"-Trilogie beschäftigt sich der Österreicher Ulrich Seidl mit dem Glauben. In strengen Bildern hinterfragt er das Versprechen auf Erlösung. Das wird in seinem Horror-Kammerspiel "Paradies: Glaube" nicht gehalten. Religion geht hier einher mit Sex und Gewalt und mündet in einer selbstgewählten Abhängigkeit.

"Geliebter Jesus, bitte nimm mein heutiges Opfer an" - weil die Menschen von Sex besessen sind, geißelt sich Anna Maria regelmäßig selbst. Auf Knien robbt Anna Maria immer wieder unterwürfig durch ihre Wohnung, in der sie ein ganzes Arsenal an Folterwerkzeugen bereithält. Die Buße hat sie für sich selbst professionalisiert - zu Ritualen, bei denen jeder Handgriff sitzt. Ulrich Seidl, der ehemalige Dokumentarfilmer, inszeniert sie mit strengen, kargen Bildern. Hier sieht alles ganz normal aus, aber nichts ist in der "Mise-en-scene" dem Zufall überlassen.

Im Urlaub wandert Anna Maria mit einer Marien-Statue durch Wien, vorzugsweise zu Einwanderern, um sie zu bekehren. "Die Mutter Gottes hilft, dass es Ihnen in Österreich besser geht", sagt sie dann. Und: "Beim Beten könnt Ihr gleich ein bisschen Deutsch lernen." Eine Bet-Gruppe besucht Anna Maria in ihrem gepflegten Vorstadthäuschen regelmäßig - sie schwört, dass Österreich wieder katholisch wird.

Der Glaube strukturiert den Alltag der Krankenschwester und gibt ihr Halt: Die Welt ist voller Sünde bei Ulrich Seidl, der wie in "Paradies: Liebe" wieder den Sex thematisiert. Der gehört dazu und bestimmt den Alltag der Menschen, was Anna Maria natürlich nicht gefällt. Erst recht nicht, als ihr muslimischer Ehemann Nabil (Nabil Saleh) nach Jahren zurückkommt: an den Rollstuhl gefesselt und auf die Erfüllung ehelicher Pflichten pochend.

Als beklemmende Studie seelischer Abhängigkeit von einem unerfüllbaren Heilsversprechen beginnend, wird der Film mit der Ankunft Nabils auch ein düsterer Psychothriller - ein Duell zweier Menschen mit unterschiedlichen Religionen und unterschiedlichem Weltbild, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Aber sie pflegt ihn so weit es ihr möglich ist, weil es Gott wahrscheinlich wollen würde. Pflichterfüllung ist das, mehr nicht.

Seidl dekonstruiert in seinem gruseligen Horrorfilm mit psychologischer Raffinesse den Glauben als selbstgewählte Abhängigkeit. Halt im Leben bietet Gott in diesem Film jedenfalls nicht. "Was Gott will und was die Menschen wollen, ist nicht das Gleiche", weiß dann auch Anna Maria, ohne allerdings über den Sinn dieses Satzes nachzudenken. Sie ist eine selbstgemachte Heilige, die den Glauben benutzt, um vor ihren Problemen zu fliehen. Gott kann sich nicht wehren, wenn man ihn für persönliche Zwecke missbraucht.

In seinem Namen versucht Nabil seine Frau zu vergewaltigen, in seinem Namen sperrt Anna Maria ihren Mann ein. Im Fanatismus, aus welchen Gründen er auch entsteht, geht jede Menschlichkeit verloren. Anna Marias eigenes körperliches Verlangen gipfelt in Selbstbefriedigung mit dem Kruzifix, sie leckt Jesus ab, sucht den Körperkontakt mit Gott. Besser als in dieser Szene, die bei den Filmfestspielen von Venedig für einen Skandal sorgte, kann man das Wesen der Bigotterie nicht auf den Punkt bringen.

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