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Hannover Anleitungen fürs Leben

Britische Studie untersuchte 2000 Märchen und damit einen kulturgeschichtlichen Schatz

Hannover. Die Kinder haben Angst. Sie sind müde und frieren, fühlen sich verlassen und brauchen jemanden. Und dann ist da dieser Erwachsene, lieb, vertrauenerweckend, zugewandt. Nur hinter der feinen Stimme lauert etwas.

Immer mal wieder kommt etwas so Schreckliches vor: Ein offensichtlich gestörter Mensch lockt Kinder zu sich, um sie zu töten. Wenn unsere eigenen Kinder davon erfahren, sollten wir mit ihnen darüber reden. Wir sollten ihnen aber nicht die Geschichte in allen Einzelheiten aus der Zeitung vorlesen. Wenn der gestörte Mensch dagegen, wie bei „Hänsel und Gretel“, eine Hexe mit roten Augen in einem Lebkuchenhaus ist, sollten wir die Geschichte unseren Kindern vorlesen. Die Zeitungsgeschichte wäre grausam. Das Märchen ist nicht grausam. Es ist gut. Es ist sogar notwendig. Im Sinne des Wortes: Es wendet Not.

Die Kinder- und Hausmärchen-Sammlung der Brüder Grimm, fast so bekannt wie die Bibel, ist gut 200 Jahre alt. Märchen sind weitaus älter. Jacob und Wilhelm Grimm haben vermutet, die Erzählungen stammten teilweise aus der indogermanischen Vorzeit. Bestätigungen gibt es erst seit Kurzem. Eine Studie aus Großbritannien, bei der 2000 Märchen aus verschiedenen Nationen untersucht wurden, geben der Grimm-Theorie recht. Die Grundstruktur des „Rumpelstilzchen“ soll um die 4000 Jahre alt sein, die des Märchens „Der Schmied und der Teufel“ (der Text war leider nur in der ersten Auflage der Grimm’schen Märchen zu finden) um die 6000 Jahre.

Menschen haben sich immer, bis zur Erfindung des Fernsehens, abends beim Feuer Geschichten erzählt. Die Schilderungen, in denen es um universelle Probleme geht – Leben, Tod, Liebe, Gut, Böse – entwickelten sich zu (Volks-)Märchen. Die Psychotherapeutin Marie-Louise von Franz hat gesagt, Märchen veranschaulichten „seelische Grundstrukturen des kollektiven Unbewussten“. Sie enthalten das Wesentliche aus unserem Innern. Sie sind Gebrauchsanweisungen fürs Leben.

In ihrem Buch „Archetypische Dimensionen der Seele“ schreibt von Franz, Märchen seien quasi „Menschheitsträume“ – weil sie in den verschiedensten Teilen der Erde die gleichen Strukturen und Motive aufwiesen. Diese Strukturen kann man schlicht zusammenfassen: Richtiges Verhalten führt zu einem glücklichen Ende, unrichtiges ins Unheil. Dabei macht das Märchen dem Leser oder Zuhörer keine Vorschriften; es winkt bloß mit dem Zaunpfahl. Es verspricht auch keine Patentlösungen. Mal helfen Mut und Geduld („Die zwei Brüder“), mal helfen List und Verschlagenheit („Das tapfere Schneiderlein“). Manchmal muss man fliehen („Schneewittchen“) oder standhalten („Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“). Wie im richtigen Leben: Es kommt auf den Einzelfall an. Die F

iguren sind keine Charaktere, dazu sind sie zu holzschnittartig. Sie sind Identifikationsflächen.

Der amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim ist durch seine Therapieerfolge mit seelisch gestörten Kindern und mit seinem Buch „Kinder brauchen Märchen“ berühmt geworden. Er hat gesagt, dass sich unsere Persönlichkeit aus dem Unbewussten aufbaut. In diesem Unbewussten steckt auch Destruktives, bis hin zu Sadismus. Gewalt aber ist etwas, das zum Leben dazugehört – früher musste man sein Essen selbst töten – und noch in uns steckt. Beide Arten Gefahr, die Gewalt mit sich bringen, schlummern in uns: die, ein Opfer zu werden, und die, ein Täter zu werden. Als zivilisierter Mensch ist es nötig, diese Gewalt zu leiten. Man kann sie umformen – in kreative Energie. Damit beginnen Kinder unbewusst beim Heranwachsen. Dabei helfen Märchen. In ein Märchen können Kinder ihre Ängste und Hoffnungen und ungeklärten Gefühle, die ihnen ja selbst zu schaffen machen, hineinprojizieren und sie so gefahrlos durchleben. Und umformen. Beinahe jedes Märchen vermittelt, dass sich die Anstrengung lohnt. Siehe „Rumpelstilzchen“: Wenn man das Destruktive (in sich) erkennt, muss man fast gar nichts mehr tun, es verliert seine Macht : „ und riss sich selbst mitten entzwei.“

Weichgespülte und kindgerechte Märchen, aus denen Gewalt und Tod eliminiert wurden, entfalten keine Wirkung. Nicht das Verschweigen stabilisiert eine Kinderseele, sondern das – angemessene – Aussprechen. Dann stellen sich auch, wie in fast allen Märchen, Hoffnung und Zuversicht ein.

Bert Strebe

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