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„Tatort“-Blitzkritik: „Kartenhaus“ (Köln) Armes Würstchen

War das wirklich ein Tatort? Oder eher „Bonnie und Clyde“, zurechtgestutzt auf öffentlich-rechtliches Niveau? Den Täter kennt man schon nach ein paar Minuten, das Motiv lässt nicht lange auf sich warten.

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Die Schauspieler Ruby O. Fee (r.) als Laura und Rick Okon als ihr Freund Adrian Tarrach posieren bei Dreharbeiten zum Tatort „Kartenhaus“ in Köln.

Quelle: Rolf Vennenbernd / Dpa

Köln. Schon komisch irgendwie. War das wirklich ein Tatort? Oder eher „Bonnie und Clyde“, zurechtgestutzt auf öffentlich-rechtliches Niveau? Den Täter kennt man schon nach ein paar Minuten, das Motiv lässt nicht lange auf sich warten. Der Böse zeigt immer häufiger seine guten Seiten, irgendwann hat man fast Mitleid mit dem Mörderlein. Und trotzdem hat man dem Schlussakkord das Gefühl, gerade einen richtig guten Krimi erlebt zu haben.

Es gibt Drehbücher, die folgen einem strengen Muster und haben meist sogar Erfolg damit. Man braucht die Guten und die Bösen, mischt einen spannenden Plot mit ein paar Klischees und vielen Überraschungen zusammen und lässt am Ende das Gute gewinnen – nicht ohne einen Täter zu präsentieren, mit dem nun gar niemand gerechnet hat. Für gewöhnlich goutiert das Publikum solcherlei TV-Unterhaltung, und damit ist es auch gut.

„Kartenhaus“, der „Tatort“ aus Köln, hatte fast nichts von alledem, der Drehbuchautor legte seine Karten ganz im Gegenteil recht früh auf den Tisch – und trotzdem war „Kartenhaus“ eine der besseren Episoden des ARD-Dauerbrenners. Warum das so war? Weil der Plot trotz aller Extravaganz stets glaubhaft blieb, weil der Zuschauer in diesem verkappten Road-Movie selbst für manche schrägen Typen so etwas wie Sympathie entwickeln konnte und weil man beim Casting mal wieder ein ausgesprochen glückliches Händchen bewiesen hat. Rick Okon, der die eigentliche Hauptrolle als Adrian Tarrach spieltee, entwickelt sehr überzeugend einen subtilen und verzweifelten Charakter, der mehr getrieben wird als dass er selbst das Heft in Händen hält. Bettina Stucky, die Adrians Mutter spielte, leistete in ihrer Rolle Preisverdächtiges, das Ermittlerduo Behrendt und Bär lief zu Hochform auf und selbst so eine kleine Nebenrolle wie die des Kleinkriminellen Ivo Tarek wurde mit Aleksandru Cirneala vortrefflich besetzt. Und diese Aufzählung könnte man noch um ein paar Charaktere verlängern.

Natürlich wollte dem unbedarften Zuschauer nicht alles wirklich logisch erscheinen, was sich in diesen eineinhalb TV-Stunden abspielte. Aber man fühlte sich zu keinem Zeitpunkt hinters Licht geführt, auch die irrwitzigsten Momente blieben nachvollziehbar und auf gewisse Weise der eigenen Wirklichkeit entlehnt. Und obwohl vieles, ja fast alles in diesem „Tatort“ vorhersehbar war (bis hin zum finalen Sprung vom Hochhausdach), verstand man es, die Spannung hoch zu halten. Handlung wie auch Emotionen warene sehr dicht, Betroffenheit macht sich mehr als einmal breit.

Wie gut das funktionierte, sieht man auch daran: Die Kölner Kommissare kamen diesmal völlig ohne ihren geliebten Würstchenstand aus. Hat man gar nicht gemerkt, und hat man auch gar nicht vermisst.



Uwe Nesemann

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