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Attitüden der Männer-Melancholie

Rostock Attitüden der Männer-Melancholie

Faber begibt sich in Helgas Stadtpalast auf die Spuren von Jim Morrison, Rio Reiser und Jacques Brel

Rostock. So schnell kann’s gehen. Es ist ein Jahr her, dass der Schweizer Faber in Helgas Stadtpalast in Rostock aufgetreten ist. Vor zehn Leuten! Am Sonntag war Faber wieder zu Besuch beim Konzert der Kulturbotschafter in Rostock. Wieder in Helgas Stadtpalast. Vor 400 Leuten. Volle Hütte im umgebauten Konzertsaal mit funkelnagelneuer Soundanlage – der Jaguar unter den Konzertsaal-Ausstattungen, meint Betreiber Paul Uhlitzsch. Faber, dessen dunkler Bass ganz hervorragend in die holzvertäfelte Akustik passt, wird derzeit als Songwriter-Heiland und Erlöser des Musikabendlandes gehypt.

Vergleiche mit Jim Morrison, Randy Newman, Tom Waits und – Achtung, jetzt wird’s groß – Jacques Brel, lesen sich super. Der 23-jährige liebt es, damit divenhaft herumzuposen. Faber, das ist Polka, Pop, Chanson und Weltmusik für Fans ohne müsligrünes Parteibuch. Das sind durchsoffene Nächte (Tom Waits), zwei Schachteln Gauloises ohne Filter pro Nacht (Serge Gainsbourg) und böse Zeilen: „Und jeder Jäger träumt von einem Reh. Jeder Winter träumt vom Schnee. Jede Theke träumt von einem Bier. Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“Jawoll, bei soviel Chuzpe in der Political Uncorrectnes ist ja klar, wer sich als Erste zu Wort melden: die Feministinnen. In den handelsüblichen Blogs hat Faber im Hass-Segment Kachelmann die Pole Position abgejagt. Aus Versehen. Nix da! Das ist nicht Haltung, das ist Kalkül.

In Songs wie „Es könnte schöner sein“, „Genug war nie genug für mich“, „Bleib dir nicht treu“, „Lass mich nicht mit mir allein“ oder „Sei ein Faber im Wind“ spielt er im Polkasound den Oberchauvi im weißen Hemd, der sich gern durch die Jim-Morrison-Frisur wuschelt. Da sind sehr viel Bass und noch mehr Wut und Enttäuschung in Texten und Attitüde unterwegs. Das klingt nach whiskytriefender und rotweinschwerer Männer-Melancholie, die ja manchmal wimmern, manchmal schreien muss. Auf der Bühne trifft man Stefan Stoppok, gern 17 Hippies, natürlich Rio Reiser und oft Sven Regener – wenn man Fantasie mit zum Gig bringt.

Faber, der sich irgendwie vollständig unverständlich im Geiste des Romans „Homo Faber“ von Max Frisch benannt hat, im bürgerlichen Leben heißt er Julian Pollina, spielt auf der Klaviatur des so angesagten Musik-Eklektizismus mit American Western Pianoläufen, groovigen Bläsersätzen stets im Geiste des großen Udo („Dicht gedichtet, nüchtern gegengelesen!“) und angelehnt an den französischen Chanson. Damit das funzt, gern auch mit der Provokation. Aber wen, außer ein paar 80er-Jahre-Emanzen, soll das Wort „Nutte“ in Zeiten, in denen nichts mehr schockt, eigentlich noch vom Hocker hauen?

Selbst so liebe Jungs wie Kraftklub und Von Wegen Lisbeth singen Hure und Bitch. Nur nicht mit so ’ner geilen Stimme!

Michael Meyer

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