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00:00 31.08.2016
Martin Mosebach (65), Autor aus Frankfurt Quelle: Fotos: Burgi/dpa, Verlag

Ein smarter junger Karriere-Banker aus Düsseldorf wird von der Polizei vorgeladen, weil es in seiner Abteilung zu Veruntreuungen gekommen ist, ein Mitarbeiter hat Selbstmord begangen. Um der Reporter-Meute vor dem Polizeipräsidium zu entgehen, springt der Banker aus dem Fenster und flüchtet nach Marokko. Er landet in Essaouira, wo er bei einem ehemaligen Geschäftspartner Hilfe sucht. Bis zum überraschend schnellen Ende der Geschichte muss der Banker Patrick Elff allerdings auf eine Reise ins eigene Ich gehen, die mindestens so spannend ist wie der Fall von Wirtschaftskriminalität, der den Anstoß zu der Reise nach Marokko gab.

Wenn Martin Mosebach einen Roman veröffentlicht, kann man die Reaktionen vorhersehen. Eine Hälfte der Kritiker wird den bekennenden Frankfurt-Hasser wieder als bombastischen Schwachmatiker bezeichnen. Die andere Hälfte wird ihn wie immer einen Meister der Beschreibung und letzten Aufrechten in Zeiten des Sprachverfalls nennen. Martin Mosebachs Roman „Mogador“ – der alte Name von Essaouira – liefert beiden Seiten Munition für ihre Haltung.

Denn „Mogador“ ist alles andere als originell. Wie oft hat man von solchen Seelenreisen gelesen, in denen ein Mensch in einem fremden Land diverse Zustände durchleben muss, ehe er zu sich selbst findet. Wie oft hat man sich bei der Lektüre von Mosebachs Büchern gefragt, warum ein Kakadu über vier Seiten bis zur letzten Feder beschrieben werden muss, obwohl er mit der Handlung nichts zu tun hat. Das liest sich so: „Auf dem niedrigen runden Tisch lag ein Haufen zerfetzter Crevetten; die rosa Panzer, in ihrer Zartheit Ballett-Rüstungen gleichend, waren auseinandergerissen und ausgelutscht, die Trümmer zeigten noch die schöne Farbe.“ So kann man über die Überreste einer Mahlzeit schreiben, kaum jemand jedoch kann das mit einer solchen Eleganz wie Martin Mosebach. Inwiefern eine solche Beschreibung zur Wahrheitsfindung beiträgt, sei dahingestellt. Was „Mogador“ von belletristischer Dutzendware unterscheidet, ist die Sprache. Sie ist maniriert, manchmal brokaten.

Gelegentlich schrammt sie haarscharf an unfreiwillig komischen Formulierungen vorbei. Dennoch ist sie von einer Brillanz, die selten geworden ist. Und sie ist mehr als nur der Versuch, wie Thomas Mann zu schreiben, wie man Mosebach vorwirft.

Was in diesem Roman ebenfalls überzeugt, ist die Schilderung ausgesprochen schräger Charaktere. Der alte Iman, dem die dritten Zähne gewachsen sind, die ehemalige Hure und Kupplerin samt ihrem zwielichtigen Faktotum: Das sind Figuren, die so schnell nicht aus dem Gedächtnis verschwinden. Dass Mosebach seinen Helden in die Welt orientalischer Geister und Dämonen schickt, darüber kann man geteilter Meinung sein. Muss der Autor diese nicht spiritistische Ebene in sein Roman-Gebäude einziehen? „Mogador“ samt Selbstfindung hätte auch ohne diese Spökenkiekerei funktioniert.

Und trotzdem ist dieser Roman lesenswert. Schon allein, weil er in seinem mäßigen Tempo ein Korrektiv zur allgemeinen Tempo-Sucht dieser Zeit setzt. Martin Mosebach bleibt, wie er als Autor immer war: Unzeitgemäß, dandyhaft und irgendwie anders. Dazu könnte man Baudelaire zitieren, der sinngemäß sagte, dass der Dandyismus die letzte Form des Heroismus in Zeiten des Verfalls ist. Vielleicht ist das ein wenig zu hoch gegriffen im Falle von Mosebach – aber irgendwie stimmt es.

Jürgen Feldhoff

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