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Ausflug ins Herz der Finsternis

Köln Ausflug ins Herz der Finsternis

Christian Kracht legt mit „Die Toten“ seinen ersten Roman seit „Imperium“ vor

Köln. Mit wohligem Schauder blickt die Buchwelt auf den neuen Roman von Christian Kracht „Die Toten“, der gerade erschienen ist. Wird es wieder einen Skandal geben wie beim Vorgänger „Imperium“ im Jahr 2012? Der „Spiegel“ hatte dem Autor des historisierenden Kolonialistenromans eine „rassistische Weltsicht“ attestiert und eine Debatte über die Grenzen der Literaturkritik ausgelöst.

Christian Kracht:

„Die Toten“,

Kiepenheuer und Witsch, 212 Seiten

Auch in seinem jüngsten Werk unternimmt Kracht einen Ausflug ins Herz der Finsternis. Die Geschichte spielt 1933, in jenem Jahr, als die Goldenen Zwanziger samt Glamour und Kreativität nachklingen und die Moderne in die Kunst einzieht, doch der Horror des anbrechenden Nazi-Regimes sich ankündigt. Der Autor malt dieses morbide Zwischenreich mit einem Pathos wie aus einer Wagner-Oper lustvoll aus.

Ein Zwischenreich der anderen Art bewohnen Krachts Protagonisten, denen der Titel gewidmet ist. „Die Toten“ sind Regisseure, Schauspielerinnen und Drehbuchschreiber. Sie fristen ihr Dasein im „Totenreich, jener Zwischenwelt, in der Traum, Film und Erinnerung sich gegenseitig heimsuchen“. Durch die Kamera lässt er seine Figuren auf das Weltgeschehen blicken, hält es auf Distanz und den Vorwurf von sich fern, im Bann des Bösen zu stehen. Bei der Macht der Bilder denkt der Leser an die NS-Propaganda (Leni Riefenstahl taucht mehrfach auf).

Kulturpessimist Kracht beschreibt eine Allianz von Japan und Deutschland gegen den „US-amerikanischen Kulturimperialismus“. Eine der zwei Hauptfiguren ist der japanische Kulturbeamte Masahiko Amakasus, der mit Gedichten Heinrich Heines aufwuchs. Er engagiert den Regisseur Emil Nägeli. Dieser plant einen Gruselfilm als „Allegorie des kommenden Grauens“ und geht einen faustischen Pakt mit dem linientreuen UFA-Chef ein. Im Laufe des Romans wird Nägeli von seiner Geliebten verlassen durch die japanische Ödnis streifen. Nägeli sieht auch noch ein bisschen so aus wie der Autor, „ihm gingen die hellblonden Haare aus, sowohl über der Stirn als auch am Hinterkopf; er hatte begonnen, sich eine lang gewachsene Strähne von der Schläfe her seitwärts über die so verleugnete Glatze herüberzukämmen“. Kracht beweist sich erneut als Meister der Metaebene und der kulturellen Anspielungen. „Die Toten“ verweist auf das japanische No-Theater und lässt die Kritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner sowie Regisseur Fritz Lang auf ihrer Flucht aus Deutschland im Zug nach Paris sich betrinken. Weitere Zeitgenossen treten auf, wie Charlie Chaplin, der wie von Kracht geschildert tatsächlich 1932 einem Attentatsversuch in Japan entging. Im Roman wird Chaplin überraschend zum Mörder. Von Krachts Anfängen als Popliterat ist kaum mehr etwas zu spüren. Der Ich-Erzähler, der in „Faserland“ durch die Partyszene der Republik zog, ist zu einem allwissenden Erzähler geworden. Dennoch lässt sich eine Verbindung ziehen: der Erzähler aus „Faserland“, der deutsche Romantiker Engelhardt aus „Imperium“ und die Toten – sie alle sind Flüchtende, besessen vom naiven Glauben, anderswo wäre es besser.

Was bei Quentin Tarantino Gewohnheit ist – die Ästhetisierung des Schreckens – löst beim Lesen Beklemmung aus. „Die Toten“ beginnt etwa mit einem ritualisierten Selbstmord mit Dolch (Seppuku). Da spritzen die Eingeweide auf eine „unendlich zart getuschte“ Bildrolle. Dieser süßliche Stil passt zum Sujet, ist aber manchmal schwer zu ertragen. Vielleicht stand diese Irritation auch am Anfang der Aufregung um „Imperium“.

Nina May

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