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Autorin Nino Haratischwili: „ Ich mag Themen, die an menschliche Grenzen führen“

Stralsund Autorin Nino Haratischwili: „ Ich mag Themen, die an menschliche Grenzen führen“

Sie ist jung, talentiert, ihre Werke sind preisgekrönt, nicht zuletzt wegen der wundervollen Sprache, die Nino Haratischwili verwendet — und das obwohl die aus Georgien ...

Stralsund. Sie ist jung, talentiert, ihre Werke sind preisgekrönt, nicht zuletzt wegen der wundervollen Sprache, die Nino Haratischwili verwendet — und das obwohl die aus Georgien stammende Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin keine Muttersprachlerin ist sondern erst seit 2003 in Deutschland lebt. Im Stralsunder STiCer-Theater las sie am Dienstag vor rund 130 Zuhörern aus ihrem Buch „Das achte Leben. Für Brilka.“

Es ist ein sehr umfassendes Werk — knapp 1300 Seiten bietet das Familien-Epos, das sich über sechs Generationen und einen 100-jährigen Auszug aus der Geschichte Georgiens hinwegspinnt. „Dabei sind 200 Seiten schon weglektoriert worden“, verrät die 32-jährige Anna-Seghers-Preisträgerin. Vier Jahre habe sie für ihr Buch gebraucht. Allein zwei Jahre, um den umfangreichen geschichtlichen Hintergrund zu recherchieren, in den sie ihre Protagonisten einbettet.

Mit ihrem Buch machte sich die Autorin auf die Suche nach Antworten auf die Frage, warum bestimmte Dinge in ihrem Land so sind, wie sie sind. „Ich wollte ursprünglich eine Geschichte über die 90er-Jahre schreiben. Dann habe ich gemerkt, dass die Antworten dort nicht zu finden sind. Und so bin ich Jahrzehnt um Jahrzehnt zurückgereist und war irgendwann bei der Oktoberrevolution angelangt“, erzählt Haratischwili. Und so schreitet sie auch in ihrem Buch von Generation zu Generation. Die Handlung beginnt im Georgien des 19. Jahrhunderts mit der Geburt Stasias, der Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, und endet mit Brilka, dem jüngsten Spross, für die die Geschichte erzählt wird.

Mit bester Erzählstimme entführt Haratischwili die Besucher ins 19. Jahrhundert, berichtet von der seltenen Rezeptur für heiße Schokolade, mit der der Schokoladenfabrikant, der Ururgroßvater der Erzählerin, seine Frau bezirzt, ihm einen Sohn zu gebären. Doch es werden zwei Töchter, von denen eine gemeinsam mit der Mutter stirbt.

Es ist vor allem der Balanceakt zwischen einem liebevollen, fast komisch anmutenden Erzählerblick im einen Moment und einer unglaublichen Tragik im nächsten Moment, die diese Geschichte so lebendig machen und den Zuhörern Lust auf mehr.

„Mich interessiert jede Form von menschlicher Beziehung. Ich mag vor allem existenzielle Themen, die an menschliche Grenzen führen“, sagt Haratischwili. Das zeigt sich auch in ihren zwei vorangegangenen Büchern. Der Debütroman „Juja“ nimmt Bezug auf die wahre Geschichte der jugendlichen Selbstmörderin Jeanne Saré. In „Mein sanfter Zwilling“ wird eine Borderline-Persönlichkeit und ihre zwanghafte Liebe zum Stiefbruder beschrieben. „Ich möchte Figuren aus Fleisch und Blut erschaffen, die greifbar sind, den Leser berühren und etwas mit ihm machen. Aber was — das bleibt letzlich jedem selbst überlassen.“

Von Stefanie Büssing

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