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Bad Tölz feiert Thomas Mann

Bad Tölz Bad Tölz feiert Thomas Mann

In der Voralpenstadt hatten die Manns ein Landhaus – 2017 als Jubiläumsjahr

Bad Tölz. Das Haus liegt oben auf dem Hügel, auf einem kleinen Zauberberg. Aber weil Thomas Mann es hat bauen lassen, ist es kein Haus, sondern eine Villa. Eine Residenz der Familie Mann für die Zeit im Jahr, wenn der Dichter der Geschäftigkeit der Stadt müde war und Ruhe suchte auf dem Land. Und da ihm Bad Tölz so gut gefiel, steht die Villa im Voralpengebiet, wo bei schönem Wetter sich weit hinten das Karwendelgebirge aufbaut und bei schlechtem der Nebel um die nahen Gipfel schleicht.

Hier ließen sie sich ab 1909 durch den Sommer treiben: Thomas und Katia Mann mit den vier ältesten ihrer sechs Kinder, oft monatelang. Wobei der Dichter weniger trieb, sondern in seinem Arbeitszimmer saß und schrieb. 1917 aber war es vorbei. Da verkaufte er das Anwesen für 65000 Mark und brach die Zelte ab in der kleinen Stadt.

Aber er hat Spuren hinterlassen. Und man war in Bad Tölz schon lang auf der Suche nach etwas, wo man einhaken konnte bei dem großen Gast. Und deshalb feiert man seinen Abschied vor 100 Jahren mit einem Jubiläumsjahr und einem reichhaltigen Programm (siehe oben). Wobei der 3. Bürgermeister Christof Botzenhart statt von Abschied lieber davon spricht, dass sie den Dichter „zurückholen“ nach all der Zeit.

Das Haus oben am Berg gehört heute dem Orden der Armen Schulschwestern. Er hat es 1926 gekauft, und wenn Schwester Edelinde die Tür aufmacht und die Besucher hineinbittet, ist das eine sehr, sehr seltene Ausnahme. Es ist das Gästehaus des Ordens, Schwester Edelinde und eine weitere Ordensfrau wohnen ständig hier. Edelinde übrigens im zweiten Stock im alten Speicher der Manns. Und wenn sie hinuntergeht ins Erdgeschoss, in einen kleinen Raum nach Osten hin, steht sie nicht nur in einer Küche mit Spüle, Mikrowelle, Tisch und Stühlen, dann steht sie auch im ehemaligen Arbeitszimmer Thomas Manns.

Hier hat er gesessen, den Tisch am Fenster, und geschrieben. Hier hat er hinausgesehen in den Garten, wo die Kinder vorm Fenster nicht spielen durften, wenn er arbeitete. Wo aber Patienten eines nahen Genesungsheims vorbeigingen, weswegen er auch das Nachbargrundstück kaufte und einen Weg verlegen ließ. Hier hat er an Werken wie „Tod in Venedig“ und „Doktor Faustus“ gearbeitet, am „Zauberberg“, an den „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“. Und hier auch hat er Dinge literarisch werden lassen, die ihm in Bad Tölz und der Umgebung begegneten.

Den Schnee etwa, den vielen Schnee im Winter, dem er im „Zauberberg“ im berühmten Schneekapitel ein Denkmal setzte. Im „Tod in Venedig“ besitzt Gustav von Aschenbach ein Landhaus am Waldrand, das deutliche Anklänge an das des Dichters verrät. Im „Doktor Faustus“ spaziert Adrian Leverkühn um den Klammerweiher, der just so heißt wie der kleine See unten am Fuße des Mann’schen Hügels, in dem Klaus Mann einst schwimmen lernte in den Armen seiner Mutter.

Thomas Mann hat aber noch andere Spuren hinterlassen im Ort. Er hat hier bei der Villa seinen Collie „Motz“ begraben und einen neuen Hund gekauft, „Bauschan“ mit Namen und Hühnerhund von Profession.

Er hat hier nachweislich gekegelt – und zwar auf einer Bahn, die der Architekt seines Hauses gebaut hat. Und wenn man noch mehr wissen will über den Dichter in Bad Tölz, dann muss man Martin Hake fragen, der weiß das alles.

Hake ist Maschinenbauingenieur und nicht eben in der Literatur zu Hause, wie er sagt. Aber sein Elternhaus steht in Nachbarschaft der Mann-Villa. Und seit er sich vor 15 Jahren für den Dichter und dessen Zeit hier zu interessieren begann, lässt es ihn nicht mehr los.

Er hat Briefe von Thomas und Katia Mann im Stadtarchiv gefunden, er forscht nach Bildern und Dokumenten aus jener Zeit, nach Fotos. Er weiß, dass Thomas Mann einen Tennisplatz bei der Villa hat anlegen lassen und dass hier der 60. Geburtstag des Schwiegervaters gefeiert wurde mit Fackelzug und singenden Schulkindern aus dem Ort. Er erzählt von dem vergeblichen Bemühen, eine Straße oder das Gymnasium in Bad Tölz nach dem Dichter zu benennen. Und von Klaus Mann, der die Tölzer Jahre in seinen Erinnerungen „Kind dieser Zeit“ aufbewahrt hat. „Wenn ich an Kindheit denke, denke ich an Bad Tölz“, schrieb er.

Heute erinnert kaum noch etwas im Haus an Thomas Mann und seine Familie. Überm Eingang hängt eine Schnitzerei mit seinen Initialen und der Jahreszahl 1909, neben der Haustür ein Bild des Dichters beim Denken. Viel mehr findet sich nicht. Die Möbel hat die Familie mitgenommen beim Auszug, selbst Schwester Edelinde hat keinen rechten Zugang zu den Büchern des Nobelpreisträgers. Und wo man damals vom Balkon runter ins unverbaute Grüne und auf den Klammerweiher schauen konnte, sieht man heute Häuser den Berg hinaufziehen. Auf Grundstücken zu 600 Euro und mehr für den Quadratmeter, denn die Wohnlage hier ist die begehrteste im ganzen Ort.

Peter Intelmann

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