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Kultur Bayreuther Festspiele so politisch wie lange nicht
Nachrichten Kultur Bayreuther Festspiele so politisch wie lange nicht
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00:00 30.07.2018
„Die Meistersinger von Nürnberg“ – die neue Inszenierung der Wagner-Oper hatte am 28. Juli in Bayreuth Premiere. Quelle: Foto: Enrico Nawrath
Bayreuth

Barrie Koskys Version der „Meistersinger von Nürnberg“ wird am Samstagabend vom Publikum in einer Art gefeiert, wie es ungewöhnlich ist auf dem Grünen Hügel:

Trampeln, Bravo-Rufe, regelrechte Jubelschreie, einige Zuschauer hält es nicht auf ihren Sitzen. Allerdings gibt es auch Buh-Rufe für den Intendanten der Komischen Oper Berlin, der als erster jüdischer Regisseur in die Geschichte der Richard-Wagner-Festspiele eingehen dürfte.

Kosky stellt den viel diskutierten Antisemitismus Wagners in den Mittelpunkt und zeigt ein Plädoyer gegen Fremdenhass und für Toleranz. Der erste Aufzug spielt dort, wo Wagners „Wähnen Frieden fand“

– im Haus Wahnfried in Bayreuth. Bei Kosky ist Wagner mit seinem Alter Ego Hans Sachs (Michael Volle) aus den „Meistersängern“ identisch. Im Kreise seiner Liebsten zelebriert Wagner seine kleinen Macken, seine Hundeliebe zu Molly und Marke und sein Faible für gewöhnungsbedürftig duftende Parfums. Zu einer Privatvorstellung kommt auch der jüdische Kapellmeister Hermann Levi zu Besuch, der von Wagner verspottet wird, als er sich während der Messe nicht hinkniet und kein Kreuzzeichen macht.

Dass es in Koskys Inszenierung nicht um die liebevolle Würdigung der kleinen, menschlichen Macken des Meisters gehen soll, sondern um dessen ganz großen Makel, wird im zweiten Aufzug mehr als deutlich. Wahnfried verschwindet, stattdessen erheben sich die Wände des Nürnberger Gerichtssaals 600, dem Ort der großen Kriegsverbrecher-Prozesse nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dort wird der Jude Levi zu Beckmesser (Johannes Martin Kränzle), dem Juror im Sängerwettstreit. Für Kosky ist er die zentrale Figur in Wagners einziger komischen Oper. Als Beckmesser nach zahllosen Sticheleien von Sachs schließlich von einer Menschenmenge attackiert und verprügelt wird, verpasst Kosky ihm die Maske eines Juden-Zerrbildes, das aussieht wie dem Nazi-Hassblatt „Stürmer“ entsprungen. Dass Beckmesser vom Volk aus der Stadt gejagt wird, weil er sich an deutschem Kulturgut schuldig gemacht und nicht gut genug gesungen hat, ist eine der wichtigsten Szenen in Koskys Inszenierung. Für ihn singt dann Walther von Stolzing (Klaus Florian Vogt), ein christlicher Jüngling auf Freiersfüßen - und wird vom Volk gefeiert. Philippe Jordan am Pult gibt dieser Interpretation und den Sängern viel Platz und erntet Applaus für sein eher zurückhaltendes Dirigat. Vogt und Kränzle werden zu Recht gefeiert für ihren Auftritt, Emily Magge als Eva (und Cosima) ein bisschen weniger. Unendlich groß ist der Jubel für Michael Volle als Wagner/Sachs, der das hervorragende Sänger-Ensemble mit seiner Präsenz und Stimmgewalt noch überragt.

Ein jüdischer Regisseur inszeniert Adolf Hitlers Lieblingskomponisten Wagner auf dem Grünen Hügel, wo der Diktator einst so willkommen war.

Britta Schultejans

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