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Kultur Berlinale: Wie wär’s mit einer Doppelspitze?
Nachrichten Kultur Berlinale: Wie wär’s mit einer Doppelspitze?
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00:00 05.12.2017
Kulturstaatsministerin Monika Grütters Quelle: Foto: Kay Nietfeld/dpa

Zwei Berlinale-Ausgaben hat Dieter Kosslick noch zu verantworten, aber böse Nachrufe auf seine vor 16 Jahren begonnene Ära kann der Festivaldirektor schon lesen.

Die Debatte um die Zukunft des Filmfestivals geht weiter – Direktor Dieter Kosslick wirkt dabei mit

Auslöser für die heftig geführte Debatte um Person und Amt war eine Petition von 79 Regisseuren. Sie haben Kulturstaatsministerin Monika Grütters aufgefordert, die Berlinale nach Kosslicks Abgang 2019 „programmatisch zu erneuern und zu entschlacken“. Der Brief wurde als persönliche Attacke auf Kosslick ausgeschlachtet.

Dabei sorgen sich die Regisseuren wie Fatih Akin, Maren Ade oder Volker Schlöndorff um die Zukunft des Festivals. Sie plädieren für ein transparentes Entscheidungsverfahren mittels internationaler Findungskommission. Eine „herausragende kuratorische Persönlichkeit“ müsse gefunden werden, „die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen“. Adressatin des Schreibens ist Grütters, indirekt lässt sich Kritik am Chef ableiten. Als oberster Filmförderer Nordrhein-Westfalens wechselte Kosslick 2001 auf die Position. Immer wieder ist ihm vorgeworfen worden, vom Apparat zurechtgeschliffen worden zu sein und auf dem künstlerischen Mittelstreifen zu verharren. Aber will jemand behaupten, er habe keine Erfolge vorzuweisen? Er machte die Berlinale zum gutgelaunten Hauptstadt-Festival mit einer halben Million Zuschauer. Er holte deutsche Regisseure zurück, die sein Vorgänger vergrätzt hatte. Er setzte wichtige politische Akzente, wenn er sich für drangsalierte Filmemacher aus dem Iran ins Zeug legte. Er baute die Filmmesse aus.

Zugleich hat Kosslick das Festival aufgebläht („Kulinarisches Kino“, „Berlinale Special“, „Perspektive Deutsches Kino“). Der Wettbewerb, das Herzstück, verlor an Glanz und Kontur. Ein Mix aus Hollywood-Durchschnitt und gutgemeintem politischem Kino bestimmt das Bild. Kosslicks Filmauswahl leidet darunter, dass sich das US-Kino rar macht: Im Februar trommeln Oscar-Anwärter lieber im eigenen Land für ihre Filme – das Schaulaufen gibt es im Herbst zuvor in Venedig und Toronto. Da kann Kosslick noch so sehr den charmanten Tanzbären auf dem roten Teppich geben, in der Berlinale-Konkurrenz funkeln nur vereinzelt Preziosen.

Inzwischen haben sich einige Unterzeichner von der medialen Instrumentalisierung ihrer Petition distanziert, allen voran Dominik Graf und Andreas Dresen. So böse war das doch gar nicht gemeint! Etwas Gutes aber haben sie schon bewirkt: Die Diskussion über die Zukunft der Berlinale kam in Fahrt. Gestern hatte Grütters zur Podiumsdiskussion gebeten, bei der Kirsten Niehuus, Chefin der Berlin-Brandenburger Filmförderung, angekündigt war. Sie wird als Nachfolgerin Kosslicks gehandelt. Aber auch sie ist ein Produkt des (Förder-)Systems, in dem Kompromisse nach allen Seiten an der Tagesordnung sind.

Grütters weiß, dass die Installierung eines Überraschungskandidaten Risiken birgt. Im Mai im Cannes stöhnte sie, wie schwierig es sei, sich einen Berlinale-Chef zu backen, der so vielen sich widersprechenden Anforderungen genügen soll. Nächstes Jahr muss sie eine Entscheidung treffen. Dass die Berlinale 2020 den Neustart braucht, ist klar. Kosslick, der dabei sogar mitwirken darf, stellt heute dem Aufsichtsrat ein neues Leitungskonzept vor, dessen entscheidender Befreiungsschlag eine Doppelspitze sein dürfte. Ein Kurator verantwortet das Programm, ein Geschäftsführer sorgt dafür, dass die Kasse stimmt und umschmeichelt Sponsoren. Ähnlich halten es andere große Festivals.

Der Name Kosslick steht nicht im Konzept – und doch klingt der Posten wie zugeschrieben auf den jovialen 69-Jährigen. Für kleinere Neuerungen ist er durchaus offen: Die nächste Berlinale am 15.

Februar 2018 will er mit Wes Andersons „Isle of Dogs – Ataris Reise“, einem Animationsfilm, eröffnen. Das gab’s bisher noch nie.

Auszug aus dem Offenen Brief

In einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters schreiben die Berlinale-Kritiker: „Filmfestivals sollten nicht nur Schaufenster der Filmkunst und Treffpunkt für Cineasten sein, sondern zugleich Vermarktungsplattform und internationale Handelsmesse, Informationsbörse und Schauplatz neuester Entwicklungen. Besonders in Zeiten des digitalen Wandels mit veränderten Rezeptionsweisen und Vertriebswegen sind sie auch ein Forum, auf dem die Bedeutung des Kinos und des Mediums Film stets aufs Neue gewichtet und verhandelt wird.“ Für die Leitung müsse es Ziel sein, „eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig zu führen.“

Stefan Stosch

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