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Berliner Einheitswippe gekippt - Initiatoren entsetzt

Berlin Berliner Einheitswippe gekippt - Initiatoren entsetzt

Die Deutschen haben kein Glück mit ihren Einheitsdenkmälern. Erst scheiterte Leipzig. Jetzt wurde das Projekt in Berlin nach immer neuen Hiobsbotschaften zu Grabe getragen.

Berlin. Es war so eine schöne Idee: Eine begehbare Wippe sollte vor dem Berliner Schloss an die Deutsche Einheit erinnern.

Wenn sich nur genügend Besucher an einer Seite zusammenfänden, könnten sie gemeinsam den mächtigen goldschimmernden Koloss in Bewegung versetzen - nach dem Motto der friedlichen Revolution in der DDR: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.“.

Vor neun Jahren hat der Bundestag das Denkmal feierlich beschlossen. Nun wird es noch vor dem ersten Spatenstich beerdigt. Der Haushaltsausschuss des Bundestags beschloss am Mittwochabend einstimmig, das Projekt zu stoppen.

Nach zahllosen Schwierigkeiten, Verzögerungen und Mehrkosten solle die Bundesregierung den Bau nicht weiter verfolgen, befanden die Abgeordneten. „Es ist Zeit, die Reißleine zu ziehen“, sagte der zuständige Berichterstatter Rüdiger Kruse (CDU) der Deutschen Presse-Agentur.

Die einstigen Initiatoren reagierten zutiefst enttäuscht. „Wir erwarten, dass die Idee, sich der Sternstunde deutscher Geschichte mit Freude und Stolz zu erinnern, nicht aufgegeben wird“, forderte Vorstandssprecher Andreas Apelt für den Verein Deutsche Gesellschaft und Mitstreiter wie Lothar de Maizière und Günter Nooke.

„Erschüttert“ äußerte sich auch der Architekt Johannes Milla, der eigenen Angaben zufolge von dem Beschluss völlig überrascht wurde. „Gerade jetzt, da alle offenen Fragen geklärt sind und die Baugenehmigung erteilt wurde, können wir die Entscheidung in keiner Weise nachvollziehen“, erklärte er für sein Stuttgarter Büro.

Tatsächlich jedoch stand das Denkmal von Anfang an unter keinem guten Stern. So war 2009 ein erster Wettbewerb gescheitert, weil von den mehr als 500 Entwürfen kein einziger angenommen wurde. Ein zweiter Anlauf gestaltete sich mühsam - schließlich setzten sich Milla und die bekannte Berliner Choreographin Sasha Waltz mit der gemeinsam entworfenen begehbaren Schale durch. Sie wurde gelegentlich als „Salatschüssel“ oder „Babywippe“ belächelt, doch viele Bürger freundeten sich mit der Idee eines Mitmach-Denkmals an.

Die wahren Probleme aber kamen erst. 2012 stieg Waltz aus dem Gemeinschaftsprojekt aus. Zudem barg der Bauplatz, der Sockel des einstigen Denkmals von Kaiser Wilhelm I., ungeahnte Überraschungen: Ein dort lebendes Völkchen seltener Fledermäuse musste erst eine neue Heimat bekommen. Wiederentdeckte wilhelminische Mosaike sollten auf Drängen der Denkmalschützer ausgebaut und gerettet werden.

All das führte zu einer Verzögerung von inzwischen fünf Jahren. Die Kosten stiegen einem Bericht des Finanzministeriums zufolge von 10 auf fast 15 Millionen Euro - eine Zahl, die Architekt Milla für extra hochgerechnet hält. „Durch unser Konzept sind keine Mehrkosten entstanden“, betont er. Und auch der zusätzliche Aufwand durch die diversen Auflagen der Behörden sei „klar nach oben begrenzt“.

Dennoch zogen die Abgeordneten nun endgültig den Schlussstrich - auch wenn der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) noch in letzter Minute vor dem Schritt gewarnt hatte. „Ein Stopp wäre eine Blamage für den Bundestag und eine Niederlage für Kulturstaatsministerin Monika Grütters“, sagte der 72-Jährige der dpa im Vorfeld.

Offen ist nun zunächst, was mit dem vorbereiteten Denkmalsockel am Berliner Schloss passiert - immerhin sind laut Milla bisher schon rund 3,2 Millionen Euro verbraucht worden. Wo werden künftig die ausgebauten Mosaike zu sehen sein? Und: Dürfen womöglich die Fledermäuse zurückkehren?

Als unwahrscheinlich gilt nach dem Debakel, dass es nochmal einen neuen Anlauf für ein anderes Denkmal an anderer Stelle kommt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erinnert an einen Gedanken, der auch in der Anfangsdiskussion schon viele Fans hatte.

„Zum Glück haben wir in Berlin ja ein Einheitsdenkmal - das Brandenburger Tor“, sagt sie. „Es gibt auch international kein Symbol, das überzeugender für die deutsche Teilung und ihre glückliche Überwindung steht.“

dpa

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