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Kultur Bewegendes Kopf-Kino
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00:00 27.10.2017

Es ist so simpel wie verblüffend: Wer seinen Daumen aus einigem Abstand mit jeweils nur einem Auge betrachtet, hat das Gefühl, dass sich dieser bewegt – Parallaxe nennt sich dieses Phänomen. Diesen Titel trägt auch die aktuelle Ausstellung der Produzentengalerie „Dezernat5“ von Tino Bittner, Udo Dettmann und Thomas Sander in Schwerin.

Es ist das Spiel mit der Wahrnehmung, mit Sehgewohnheiten, Erwartungen und Irritationen, aber auch mit Emotionen, das die drei Künstler perfekt beherrschen. Da ist zum Beispiel die Arbeit „Schneewittchen“ von Tino Bittner, ein großformatiger Kreis aus Einmachgläsern, die an der Wand befestigt sind. Durch dicke Glasböden hindurch entdeckt der Betrachter Einzelteile eines Gesichts – mal sind es Wimpern, mal Lippen, die Bittner präparatartig, ähnlich einer sterilen Gewebeprobe, in seinen Gläsern gesammelt hat.

Mit Vorliebe nutzt Bittner Vorlagen aus der Werbeindustrie: Dem Hochglanzplakat eines Modells hat der Künstler ein zerlöchertes Ebenbild vorangestellt. Je nach Perspektive verschieben sich Augen und Gesichtpartien, so dass eine irritierende Ästhetik entsteht. „Die Verfremdung entsteht erst durch den Perspektivwechsel“, sagt Bittner. Und so gleicht die Ausstellung einem voyeuristischen Mitmach-Parcours, bei dem der Besucher auf der Suche nach visuellen Lösungen ständig in Bewegung ist – physisch genauso wie emotional und mental. Die Arbeiten starten ein Kopf-Kino, setzen einen Denkprozess in Gang, sensibilisieren für das eigene Weltbild.

Konsumkritik anhand der oberflächlich-glattgebügelten Werbeindustrie – wer das so sehen möchte, kann das tun, muss es aber nicht. „Wir stellen lediglich das Material zur Verfügung“, sagt Bittner. Und das bedient sich eben nicht des erhobenen Zeigefingers sondern Ideenreichtum, technischer Finesse und eines subtilen Humors. Das zeigt sich auch in den Arbeiten von Udo Dettmann, der unter anderem eine alte Stechuhr mit Monitor und Technik ausgestattet und zu einem „Phrasomat“ umfunktioniert hat. „Für mich sind das nichtssagende Aussprüche von Politikern“, sagt er über Begriffe wie „Machtvolle Wesensverantwortung“ oder „Konstruktive Innovationsflexibilität“ die mit unheilvollem Sound unterlegt über den Monitor flimmern.

Auch seiner „Höllenmaschine“ – einem silbernen Metallkasten, der anfängt zu vibrieren, wenn man ihm zu nahe kommt, während aus einem Plastikrohr an der Seite eine rötliche Flüssigkeit tröpfelt – ist der Betrachter förmlich ausgeliefert. Denn die übergroßen Schalter, die als Kästen objektähnlich aus der Wand ragen, sind bloß aufgemalt. Auch bei Dettmanns Arbeit „Fg 1-3“ arbeitet der 66-Jährige mit einem solchen Bildkasten, auf den zwei nostalgische Sicherungskästen gemalt sind, die er dem realen Fundstück nachempfunden hat, das gleich daneben an der Wand angebracht ist. Mit seinen Arbeiten hat Dettmann seine künstlerischen Wurzeln, die Malerei, in den Raum geholt. Auch hier verschwimmen Realität und Illusion. Je nach Standpunkt erschafft sich der Betrachter unterschiedliche Wirklichkeiten.

Auch Künstler Thomas Sander arbeitet medienübergreifend. Zu sehen ist unter anderem eine Bilderreihe mit einer Kanne, die sich immer weiter zur Seite neigt, unter das letzte Bild hat der Künstler eine Tasse an der Wand montiert. Oft sind es Abfolgen simpler Tätigkeiten, die Sander in den Fokus rückt, in Videos stark verlangsamt oder in vielfacher Geschwindigkeit verarbeitet oder vom bewegten Bild wieder zurück ins Materielle holt. „Es geht darum, sich wieder auf Wahrnehmungsformen zu besinnen, die heute fast verlorengegangen sind“, sagt der 57-Jährige. „Man muss sich nur drauf einlassen.“ Einen viersekündigen Film hat Sander auf fast drei Minuten gestreckt: Zu sehen ist lediglich der Mund eines Mannes, der sagt: „Am Anfang war das Wort.“ Die gleichnamige Arbeit hat der Künstler zudem als 100-teiliges Bildobjekt in Szene gesetzt. Doch die Auseinandersetzung falle schwer in einer von Hektik und Reizüberflutung dominierten Zeit. Den Gegensatz bildet die Arbeit „Flow“, eine schnelle Abfolge von rund 3500 Bildern, die schon nach kurzer Zeit vor den Augen zu verschwimmen beginnen.

Wie unter einer Lupe betrachten alle drei Künstler einzelne Prozesse, analysieren und verarbeiten sie zu Objekten und Videos und schaffen so eine gemeinsame Ästhetik. „Unsere Ausstellungen sind nicht nur Ausstellungen sondern zugleich auch Erlebnisse“, sagt Bittner. „Das ist schon fast zu unserem Markenzeichen geworden.“

Stefanie Büssing

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