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Bewusstwerdung der jüdischen Wurzeln

Bewusstwerdung der jüdischen Wurzeln

Der Berliner Musiker und Autor André Herzberg liest heute in Rostock aus seinem aktuellen Buch „Alle Nähe fern“.

 

Worum geht’s genau in Ihrem Buch?

André Herzberg: Ich habe meine Familiengeschichte erzählt, aber den handelnden Personen andere Namen gegeben. Es ist eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte und eine Bewusstwerdung meiner jüdischen Wurzeln.

Warum passierte das so spät?

André Herzberg: Weil das Thema für mich erst nach der Wende hochkam. Der Fall der Mauer war für mich ein tiefer Einschnitt – als Künstler und als Mensch. Aber ich brauchte eine gewisse Zeit, um das zu sortieren. Zunächst erschienen meine „Geschichten aus dem Bett“, dann das Buch „Mosaik“, in dem ich Autobiografisches verarbeitet habe. Aber mein neues Buch wäre in der DDR gar nicht möglich gewesen. Denn auch dort gab es Antisemitismus, manchmal versteckt, manchmal offen.

Haben Sie denn als Kind in der DDR Antisemitismus gespürt?

André Herzberg: Ja, das waren mehr Hänseleien. Bei der Armee, wo sowieso ein rauer Ton herrschte, war das ziemlich hart. Ich sehe nun mal nicht aus wie der typische Deutsche und das war immer wieder Anlass für Spott, ob ich aus Rumänien komme oder so. Manchmal war es aber auch Antisemitismus. Das hat damals ganz schön geschmerzt, das war auch traumatisch für mich.

Aber die jüdischen Wurzeln innerhalb der Familie waren sozusagen verschüttet?

André Herzberg: Ja, so kann man das sagen. Meine Eltern waren Juden, hatten aber ihre Wurzeln komplett verdrängt, auch aus Vorsicht vor Antisemitismus. Sie kamen nach Kriegsende aus der Emigration zurück, sie wollten in die DDR. Sie haben sich als Kommunisten definiert.

Hat Sie Ihre Familiengeschichte damals nicht so sehr interessiert?

André Herzberg: Nein, ich hatte damals anderes im Kopf, ich wollte ja ein Rockstar werden (lacht).

Aber die Aufarbeitung war nur aufgeschoben.

André Herzberg: Genau, die kam dann, wie gesagt, erst nach der Wende.

War dieser Prozess auch schmerzhaft für Sie?

André Herzberg: Ja, denn im Kern geht es immer darum, dass sich die Generationen miteinander unterhalten, sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Wir wissen aus der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte: Es wird zu viel geschwiegen in den Familien. Und das muss aufgebrochen werden.

War Ihr Buch auch eine Heilung?

André Herzberg: Ja.

Geben Sie denn die wiederentdeckten Traditionen an Ihre Kinder weiter, begehen Sie die jüdischen Rituale in Ihrer Familie?

André Herzberg: Ja, die jüdische Tradition ist jetzt ein starker Motor in unserer Familie.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

André Herzberg: Ich schreibe an einem Buch, in dem es um die jüdische Identität in der DDR geht. Darin wird das Thema in einem größeren Rahmen dargestellt.

Parallel dazu läuft Ihre musikalische Karriere. Wie geht’s denn mit Pankow weiter?

André Herzberg: Wir gehen Anfang des kommenden Jahres wieder auf Tour. Denn wir haben dafür unsere Platte „Aufruhr in den Augen“ von 1988 neu aufgenommen, mit anderen Arrangements.

Interview: Thorsten Czarkowski

Lesung mit André Herzberg „Alle Nähe fern“, heute um 18 Uhr im Max-Samuel-Haus Rostock (Schillerplatz 10)

OZ

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