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Kultur Bild bittet in der Kunsthalle auf die Couch
Nachrichten Kultur Bild bittet in der Kunsthalle auf die Couch
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18:58 17.01.2019
Kai Diekmann, Jörg-Uwe Neumann, Friede Springer und Mathias Döpfner (v.l.) sitzen im White Cube der Rostocker Kunsthalle auf der Bild-Couch. Quelle: Ove Arscholl
Rostock

Ist das Kunst oder kann das ins Altpapier? Diese berechtigte Frage war nach Minuten obsolet. Mitten in der Eröffnungsrede des Springer-Vorstands Mathias Döpfner (56) zur Ausstellung „bildRaum“ in der Rostocker Kunsthalle trat ein Vermummter an die Hauptfront und sprühte seinen Protest ans Glas: „Unsitte Bild. Herr Neumann, schließen Sie diese Ausstellung.“ Ein Hauch von 68er-Studentenprotesten gegen den Springer-Verlag im beschaulichen Rostock. Ein Hauch von großer, weiter Welt - High Noon zur Vernissage in der Mittagspause! Die Aktion kam so rührend naiv daher, dass man sich spontan fragen musste: Echter Protest oder inszenierter Raum? Eine Frage, die unter den 220 Gästen in der Kunsthalle diskutiert wurde.

Das Event im Museum war mal wieder großer Bahnhof und Inszenierung auf hohem Niveau. Und Döpfner reagierte gelassen professionell. Sein Verlag ist anderes gewohnt: „Ich bewundere den Mut von Herrn Neumann. Das muss man sich erst mal trauen – Sitte und Bild in einem Haus. Bildleser gibt es viele. Bildbekenner nicht.“ In der ersten Etage hängen die Bilder des DDR-Staatskünstlers Willy Sitte. Eine Schau, die exakt diese Forderung (und zwar in der Bild-Zeitung) produzierte: „Herr Neumann schließen Sie diese Ausstellung!“ Und nun, eine Etage tiefer, Fotografien der Macht aus einem Epizentrum der Macht – der Bild-Chefredaktion. Und die Forderung: „Herr Neumann, schließen Sie diese Ausstellung!“

220 Gäste bei der Vernissage zur Ausstellung „bildRaum“ in der Kunsthalle – eine Schau, die äußerst kontrovers diskutiert wird.

Ex-Chefredakteur Kai Diekmann – mit Gattin Katja Kessler, Döpfner, Chefredakteur Julian Reichelt und Verlegerin Friede Springer angereist – hatte es sich zu Beginn seiner Dienstzeit zur Gewohnheit gemacht, prominente Besucher der Redaktion nach dem Interview auf die Couch zu bitten – für ein spontanes Foto unter dem Bild der Bild. Entstanden ist in 18 Jahren ein „Panoptikum, ein Panorama prägender Zeitgenossen“, wie Döpfner findet. Kevin Costner, Michail Gorbatschow, Thomas Gottschalk, Angela Merkel, Michael Douglas, Pamela Anderson, Richard von Weizsäcker, Cameron Diaz, Jogi Löw, Helmut Kohl, Matthew McConaughey, Benedict Cumberbatch und und und. „Diese Personen der Zeitgeschichte“, so Döpfner, „mit dem Bild-Logo wie mit einem Briefmarkenstempel autorisiert.“

Aber was macht das in einem Museum? Die Bilder sind nicht besonders dolle, flüchtig inszeniert vor stets gleichem Hintergrund. Sie sind noch nicht mal als Schau in Serie realisiert worden. Diekmann erinnert sich: „Das war eher spontan, dass wir Promis nach Interviews auf unsere Couch gebeten haben.“ Und nicht nach einem oder zwei oder drei Fotos, sondern irgendwann sei daraus die Idee entstanden, diese Bilder zu archivieren und zu sortieren. Dann traf Diekmann im November 2016 in einer Sportsbar zufällig Rostocks Kunsthallen-Chef Jörg-Uwe Neumann, der dort mit seinem Kurator die amerikanischen Künstlerpaar Ilja und Emilia Kabakov besucht hatte und sich das Ergebnis der Präsidenten-Wahl öffentlich im Fernsehen ansah. Die beiden kamen ins Gespräch, sahen sich bei der Ausstellung von Kiki Kausch in Rostock wieder und so wurde aus der Idee, das Konzept, den Bildern der Bild einen Raum in der Kunsthalle zu schenken: bildRaum.

In Rostock folgten Geschäftsleute, Unternehmer, Politiker, Künstler, Galeristen, Medienleute, Bänker, Anwälte – die Hautevolee der Unterwarnow – mal wieder dem Ruf der Kunsthalle. Mittagspause unter dem Motto Kunst und Medien statt Kohlroulade und Kartoffeln. Neumann, der in Zeiten von Fake News und Fälschungsskandalen ein Plädoyer für klassische Medien und die Zeitung als Printprodukt hielt, meckerte über die Frauenquote: „Ich habe mich erschreckt, dass unter 190 Promis gerade mal 40 Frauen sind.“ Immerhin: Fast ein Viertel. Mehr als in deutschen Aufsichtsräten! Eine Vernissage, die polarisiert. Ein Rostocker Galerist hält die Bilder für Altpapier: „Aber wenn die Bild das zur Kunst erklärt, ist es Kunst.“ Ein Künstler aus Rostock sagt: „Die Frage nach Qualität wird nicht mehr gestellt, wenn Popularität darüber steht – aber man kann sich dem nicht entziehen.“ Thorsten Ries, Geschäftsführer von H. Hünecke in Rostock meint: „Total faszinierend, wie aus einem spontanen Foto eine Serie wird und dann eine Geschichte entsteht.“ Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling sagt: „Das Besondere bewahre ich, so wie die Bild das auch tut.“ Die Rostocker Anwältin Doris Geiersberger kritisiert: „Der Chef des Springer-Verlags spricht von Haltung, während seine Bild-Zeitung zur Zeit der größte Hetzer im Lande ist.“ Eine Schau,die polarisiert. Schade nur, dass die Kritiker fast durchweg meinen, anonym bleiben oder sich vermummen zu müssen. Diskurs entsteht durch Öffentlichkeit. Inszeniert oder spontan.

Von Michael Meyer und Sophie Martin

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