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Bilderglanz voll Ruhe und tiefem Ernst

Putbus Bilderglanz voll Ruhe und tiefem Ernst

„Palmers Pausen“: Die Kulturstiftung Rügen zeigt in der Orangerie Putbus Bilder von Thorsten Zwinger

Putbus. Wie (oder was) redet man über Gemälde, wenn es weiße Bilder sind? Die französische Autorin Yasmina Reza ließ 1994 ihr Theaterstück „Kunst“ von einem „weißen Bild mit weißen Streifen“ handeln und landete einen Welterfolg. Allerdings geht es bei ihr mehr um Statuswerte eines für 200000 Franc gekauften Bildes, um individuelle Projektionen stolzer Eigentümer und neidischer Freunde, um Konflikte einer bürgerlichen Lebensweise des Überflusses.

Auch in der neuen Ausstellung „Zwinger. Palmers Pausen“ in der Orangerie Putbus könnte man jetzt weiße Bilder kaufen – für 1600 bis 82000 Euro. Doch vor allem bietet der Greifswalder Maler Thorsten Zwinger (54) in dieser Schau der Kulturstiftung Rügen mit knapp 30 Arbeiten eine ganz andere, freiere Möglichkeit, sich diesen Werken zu nähern. Auf geradezu spektakuläre Weise konfrontiert er Besucher mit weißen, geheimnisvoll strukturierten, kühl abweisenden aber doch mit weichem Glanz Nähe suchenden Flächen.

Spektakulär ist bereits das Format der beiden neuesten Bilder „Serendipity 1“ und „Serendipity 2“ im Erdgeschoss: jedes drei Meter hoch und neun Meter breit, jedes aus sechs Segmenten zusammengefügt. Die beiden Titel – sie könnten auch „ohne Titel“ heißen – geben einen deutlichen Hinweis ans Publikum. Serendipity steht für eine zufällige Beobachtung von etwas zunächst nicht Gesuchtem. Also: Wer nach Bestätigungen seiner geläufigen Wahrnehmungsschemata sucht, wird vielleicht enttäuscht – wer sich den Bildern aussetzt und dabei seine Vorprägungen loslassen kann, überhaupt loslässt, der kann fündig werden . . .

Für den international ausstellenden Greifswalder Thorsten Zwinger wurde mit diesen Bildern ausgerechnet die Heimat zum Auslöser, seinen Weg des Minimalismus weiter zu radikalisieren. An seiner Serie „Palmers Pausen oder Die Verwandlung der Zeit“ arbeitet der Maler seit längerem; doch die Bilder, die seine Berliner Galerie Tammen Anfang Dezember 2015 auf der Kunstmesse in Miami vorstellte, zeigten auf weißem Grund noch Linien mit teils farbigen Kontrasten. „Als ich jetzt in Vorbereitung der neuen Ausstellung die beiden hohen Räume im Erdgeschoss der Orangerie betrat, konnte ich sofort die Bilder vor mir sehen. Ich musste sie dann nur noch malen“, berichtet Zwinger. „Alles weiß, auf weißer Wand, in weißer Stadt – und alles Glanz, dicker Glanz, der aber nicht ironisch, sondern thematisch wirkt – rein, klar, absichtsvoll: Nur das zählt!“ Nur halb im Scherz fügt er hinzu: „Ich denke, dass meine One-Man-Shows auf den Messen in Miami und Karlsruhe 2016 nur das ,Vorprogramm’ zu Putbus waren. Im Ernst: Ich will natürlich hier in der Heimat, an so einem poetischen Ort, das Maximale zeigen!“ Und ist zufrieden: „So weit wie hier war ich noch nie.“

Über die Hängung der beiden Großbilder äußert sich der Maler geradezu begeistert: Durchaus riskant war der Transport der großen Segmente vom Atelier nach Putbus, dann ihre Zusammenfügung zu den beiden Riesenbildern, mit den genau richtigen Abständen und Höhen. „Die haben das Weltklasse gehängt“, lobt er.

Bleibt die Frage: Was sind Palmers Pausen im Ausstellungstitel? Zwinger schmunzelt, um dann sehr ernst von unserer Zeit und unseren Räumen als Individuen zu sprechen, von „Infragestellung“ und „Dekonstruktion“, die „gegen Geschwindigkeitsgläubigkeit“ gerichtet seien. „Aber darüber liest man ja auch jeden zweiten Tag irgendwo“, sagt er. „Die Wahrheit ist: Ich habe nicht gegen

irgendwas gemalt, sondern weil ich das genauso machen musste!“

Dass Zwinger ein hochsensibler Akteur in den Krisen der ihr prophezeites Ende immer wieder hinausschiebenden Kunst ist, zeigt der bekannte Kunstwissenschaftler Michael Freitag. „Wenn alles Bild wird, bedeuten Bilder nichts mehr“, beschreibt er die Lage des Künstlers in der „Nach-Post-Unmoderne“ mit ihren lärmenden Bildwelten und multimedialen Reizüberflutungen. Und über Zwingers Bilder: „Feine Graustufe, honigfarbene Gründung, sonniges Streifenfeld, in milchig edelgetrübtem Bildgelee. Das ist Malerei in Aspik. Jedes Bild feiert die Leiche und will sie doch nicht begraben.“

Dietrich Pätzold

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