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Bob, der Große

New York Bob, der Große

Bob Dylan wird 75 / Der einflussreichste aller Songwriter macht kein Aufhebens mehr um sich – und singt Sinatra

New York. Ein paar Pfunde müsse er noch zulegen, sagte Jack Dempsey zu dem jungen Mann, damals in dessen Anfängen in New York. Der betagte Ex-Boxweltmeister hielt seinen eher schmächtigen Gast für ein neues Ringtalent, wie Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan aus Duluth/Minnesota am Anfang seiner Autobiografie „Chronicles I“ erzählt. Pfunde legte Dylan dann tatsächlich zu wie kein Zweiter, aber in einer anderen Disziplin, bis er 1963 mit 22 Jahren schon der schwerstgewichtige Songwriter der USA war.

Jede Zeile von ihm wurde von seinem Publikum fortan auf Bedeutung und Zweitbedeutung abgeklopft, und das konservative Amerika der Jahre von Vietnam und der Bürgerrechtsbewegung überlegte bald, ob der Sänger von „Masters of War“ und „Maggies Farm“ nicht ein Aufwiegler, Kommunist und Staatsfeind war. Alles was Dylan tat, hatte Kraft und Auswirkung. Seine Musik war eine Gewalt: Und als er seinen Folk 1965 per elektrischer Gitarre mit dem Rock’n’Roll vermählte, wurde das nicht als neuer künstlerischer Ausdruck umarmt, sondern als Verrat geziehen. „Judas!“ schrien die Fans.

Heute wird der Mann, der die Rockmusik beeinflusste wie neben ihm wohl nur noch Elvis Presley und die Beatles, 75 Jahre alt. Überall gibt es dann Bob-Feste und Dylan-Feste. Was er selbst an diesem Tag tun wird, lässt er im Geheimen, nicht einmal das Magazin Rolling Stone weiß Näheres. Vielleicht feiert er mit der Familie (sechs Kinder von zwei Frauen), vielleicht streunt er ein wenig in Gegenden seiner Jugend herum und wird wieder von der Polizei aufgelesen wie 2009 in Long Branch/New Jersey.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren hätte ihn jeder überall erkannt. Heute nicht mehr. Er hat sich zurückgezogen. Aus den VIP-Blättern, dem Musikfernsehen, von den ganz großen Bühnen. Ist ein unbekannteres Gesicht geworden.

Jene unter den Fans, die in ihm, dem Popmusiker, euphorisch den Heiland für alle Dinge sahen, waren Bob Dylan früh suspekt, erschienen ihm nicht minder gefährlich wie das vor Verehrung glühende Gefolge von Politikern und Predigern. Die Ansprüche seiner Millionen Fans an ihn, doch bitteschön der „Revolution“ voranzugehen, friedlich mit Liedern die „bessere Welt“ zu erschaffen, begann er schon in den Sechzigerjahren abzuwehren. Zu seiner Größe, Bedeutung und Botschaft an die Welt befragt, antwortete Dylan 1965 in Los Angeles: „Die Welt braucht mich nicht. Ich bin nur einsachtundsiebzig groß.“ Und in London: „Meine eigentliche Botschaft? Behalte einen klaren Kopf und nimm immer eine Glühbirne mit.“

Er nahm sich selbst vom Sockel, auf den man ihn freilich immer wieder zu stellen versuchte. 1978 sagte er dem Playboy in heiterer Resignation: „Wenn ich nicht Bob Dylan wäre, würde ich wahrscheinlich auch denken, dass Bob Dylan eine Menge Antworten parat hätte.“

Dylan liebt das Normale, Kleine. Die seine politischen Lieder wie „Blowing in the Wind“, „The Times They Are a-Changin’“ oder seine mystischen Allegorienkolosse wie „All Along the Watchtower“ und „Visions of Johanna“ feiern, übersehen gern, was für ein gefühlvoller Sänger von Liebesliedern er mit seiner kleinen, rabenhaften Stimme ist. In seinem „I’ll be your Baby Tonight“ glänzt der Mond wie ein silberner Löffel am Himmel, wenn er die Liebste bittet, eine Flasche mitzubringen, und „Make You Feel My Love“ von 1997, das Adele, Billy Joel und sogar Helene Fischer aufgenommen haben, verspricht er ihr vor allen Stürmen Schutz. Zärtlich, rau und heiser. Und die Liebe dieses Raben klingt echt, sie ist die Sache, die den Planeten Erde auch für Dylan in die Mitte des Universums stellt.

Eine Japantour hat er gerade zu Ende gebracht, kurz nach dem Geburtstag, am 4. Juni, geht es in Woodinville/Washington weiter. Dylans Konzertreise heißt „Neverending“, eines Tages aber wird sie doch enden, und sicherlich nicht mit Ruhestand, mit der Gitarre am Nagel und mit Dylan im Sessel vor dem Kaminfeuer. Zu sehr liebt er die Bühne, sie ist sein Akku und sein Rückzugsort vom Mythos, wo er macht, was er liebt: Musik. „Auf der Bühne“, so verriet er dem Rolling Stone 1997, „bin ich zunächst wie versteinert, doch dann wird sie zum einzigen Platz, an dem man der sein kann, der man wirklich ist.“

Statements über die Zeitläufte gibt Dylan kaum noch ab. Seine Einschätzung der durchaus vertrackten Gegenwart muss aus den Songs geklopft werden, etwa aus „Tempest“, dem 14-minütigen Titelsong seines gleichnamigen Albums von 2012, wo er vielsagend vom Untergang der „Titanic“ singt. Ja, die kleiner gewordene Gemeinde dreht und wendet seine Songs immer noch, wartet auf neue Originalsstücke, schreit aber nicht mehr „Judas“, wenn er stattdessen Sinatra aufnimmt (siehe Kasten) oder Weihnachtslieder.

Sie würde ihn vielleicht gern noch mit dem Literaturnobelpreis bedacht wissen, und sei es als Bestätigung, all die Jahre dem Richtigen, einzig Wahren gefolgt zu sein – dem Schwergewichtsweltmeister des Songwriting.

Matthias Halbig

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