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Kultur Boom-Region vor 1000 Jahren
Nachrichten Kultur Boom-Region vor 1000 Jahren
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18:42 03.05.2018
Dieser geflochtene Reif aus Silber ist Teil des Schatzes, der in diesem Jahr bei den Ausgrabungen auf einem Acker bei Schaprode auf der Insel Rügen gefunden wurde. Quelle: Foto: Stefan Sauer/dpa

In den Äckern Vorpommerns schlummert noch immer unentdeckte Geschichte. Die jüngsten Funde zeigen, das heutige Vorpommern war auch vor mehr als 1000 Jahren kein isolierter Kulturraum. Oftmals bringen ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger die Archäologen auf die Spur von neuen Erkenntnissen.

Der Fund eines Silberschatzes in Schaprode auf Rügen mit Schmuck und Münzen aus der Zeit des Dänenkönigs Harald Blauzahn (910-987) ist die spektakulärste archäologische Entdeckung der letzten Jahre in Vorpommern. Der Rügener Bodendenkmalpfleger René Schön und der Schüler Luca Malaschnitschenko hatten im Januar die ersten Stücke des aus etwa 600 Münzen sowie Arm- und Halsreifen, Perlen und Fibeln bestehenden Konvolutes entdeckt. Mitte April wurde der Schatz komplett geborgen.

So aufsehenerregend der Fund auch ist, ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger stoßen immer wieder zwischen Peene und Ostsee auf Funde, die die früheren Wirtschaftsbeziehungen im heutigen Vorpommern belegen. „Wir haben durch diese Funde heute einen sehr viel differenzierteren Blick auf die Region als noch vor 20 Jahren“, sagt der Dezernent im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, Michael Schirren.

Die etwa 100 dänischen Kreuzbrakteate und Dorestad-Imitationen aus der Regentschaft Blauzahns machen den besonderen Wert des Schaproder Schatzes aus, der damit der bislang größte Fund von dänischen Münzen im südlichen Ostseeraum ist. Darüber hinaus enthielt der Schatz aber auch englische Münzen sowie Prägungen aus dem islamischen Raum. „Sie zeigen, dass der Ostseeraum vor 1000 Jahren kein isolierter Kulturraum war, sondern Handelskontakte bis nach England und ins Morgenland gepflegt wurden“, sagte Schirren.

Auch andere erst kürzlich entdeckte Funde wie der Silberschatz von Drewelow (2012 – rund 160 Münzen und Fragmente), der Silberschatz von Görke (2014 – 440 Münzstücke) und der Silberschatz von Anklam (2010 – 82 Münzstücke) werfen ein Schlaglicht auf den Fernhandel, der vor über 1000 Jahren stattgefunden hat.

Die Münzen, die ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger an allen drei Fundorten entdeckten, wurden in Regionen geprägt, die heute in Nordafrika, im Iran, Irak oder Afghanistan liegen. Über osteuropäische Handelsrouten entlang des Schwarzen Meeres, des Dnjepr, der Wolga und dann der Ostsee sind die Münzen nach Nordeuropa und an die südliche Ostseeküste gelangt.

Insgesamt, schätzen Forscher, kamen im neunten und zehnten Jahrhundert mehrere Millionen Silber-Dirhams aus Zentralasien in den Ostseeraum – vorrangig nach Gotland, wo inzwischen über 700 Wikingerschätze entdeckt wurden – der umfangreichste mit einem Gewicht von 75 Kilogramm Silber. Das heutige Vorpommern befand sich im Grenzgebiet der frühmittelalterlichen Boom-Region. Die Silberschatz-Fundplätze von Görke, Anklam und Drewelow liegen im Umfeld der Wikinger-Siedlung Menzlin, die ein strategisch bedeutender Stützpunkt und Umschlagsplatz für den Handel in Richtung Westen, Norden und nach Osten in Richtung Nowgorod war.

Siedlungsplätze wie Menzlin müsse man sich in dieser Zeit als multikulturelle Handelsplätze vorstellen, an denen nicht nur mit Waren aus Persien und Nordeuropa gehandelt wurde, sondern neben Slawen und Skandinaviern auch Friesen, Sachsen und vielleicht zeitweise sogar Muslime friedlich miteinander lebten, wie Michael Schirren sagte. Ausgrabungen zeigten auch, dass die Handels- und Handwerksplätze in dieser Phase unbefestigt waren – ein Indiz, dass man keine Feinde fürchten musste oder dass der Handel durch eine zentrale örtliche Macht geschützt gewesen sei.

Das Bild wandelt sich im Laufe des 10. Jahrhunderts und damit in Zeiten der beginnenden Missionierung. Die Handelsplätze werden aufgegeben, andere Zentren wie Usedom oder Wollin entstehen. Während in Nordeuropa und Polen langsam Königreiche und damit erste Staatengebilde wachsen, gerät das Gebiet des heutigen Vorpommerns zeitweise aus dem Blick wirtschaftlicher Interessen. Die Region wird Exportgebiet, aus der vor allem einfache agrarische Produkte aber auch Sklaven exportiert werden, wie der Experte sagte. Die Wikinger richten ihren Blick stärker nach Westen. Einzig die typisch slawische Gefäßkeramik ist im gesamten Ostseeraum (so genannte Ostseekeramik) verbreitet - möglicherweise wurde in ihnen das exportierte Getreide transportiert.

Interessant scheinen den Archäologen für diese Phase mehrere Funde von gotländischen Schmuckstücken in Vorpommern zu sein. So war der Bodendenkmalpfleger Sylvio Barkow im Herbst 2014 bei Pasewalk auf eine bronzene Tierkopffibel der Frauentracht aus dem frühen 12. Jahrhundert gestoßen. Auch auf der Insel Rügen gibt es inzwischen Funde gotländischer Herkunft. Doch es fehlen Hinweise auf eine persönliche Anwesenheit gotländischer Kaufleute, Handwerker, Krieger oder ihrer Frauen in der Region.

Der Archäologe Michael Schirren geht davon aus, dass dieser „Importschmuck“ eher Recyclingmaterial war, das von Buntmetallschmieden der Slawen erworben wurde, weil es im südlichen Ostseeraum an anderen Rohstoffquellen mangelte.

Wie in diesen Fällen sind es oft ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger, die den Archäologen die entscheidenden Hinweise auf neue Funde geben. Jährlich erreichen bis zu 2600 Fundmeldungen die Landesarchäologie Mecklenburg-Vorpommern. „Ohne die Funde der Bodendenkmalpfleger wäre der heutige Wissensstand zum Frühmittelalter deutlich geringer“, sagte Schirren. Für die Archäologen steht nicht der materielle Wert eines Silber- oder Goldschatzes im Vordergrund. Vielmehr sind die Funde für sie wertvolle Puzzlesteine, um frühere Wirtschaftsräume und Kulturbeziehungen beschreiben zu können und damit das Geschichtsbild zu komplettieren.

Martina Rathke

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