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Kultur Bunte Vögel, volles Haus
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00:00 01.07.2016

Ausverkauftes Haus am Mittwochabend im Mau-Club in Rostock. Rund 800 zumeist schwarzgekleidete Besucher wollten an diesem Abend die Mittelalterband In Extremo sehen.

Denn die haben gerade ein neues Album veröffentlicht –„Quid pro quo“ ist seit einer Woche im Handel. Die aktuelle Tournee dazu war als „Warmup Tour“ vom Veranstalter angekündigt, die sieben Musiker wollten die neuen Songs testen, auch ein neues Bühnenbild zeigen. „Wir kommen als ein gut gelaunter Haufen bunter Vögel“, so sagte Gitarrist Van Lange vor der Tour.

Doch auch bei den neuen Liedern zeigte sich das Publikum in Rostock bereits sehr textsicher. Überhaupt: Die In-Extremo-Jünger wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, manchmal etwas finster im Outfit, aber milde im Auftritt, sowie mitsing- und auch feierwillig. Das Zusammengehörigkeitsgefühl im Publikum ist auch in den Songtexten verankert, wo es um einfache Werte geht, einerseits die Freundschaft und andererseits das auch Sich-allein-durchs-Leben-schlagen, hin und wieder wird’s auch traurig.

Viele Bands, die heute mit dem Mittelalterrock liebäugeln oder ihn praktizieren, schossen gerade im Osten Deutschlands in den Neunzigern wie Pilze aus dem Boden. Es war eine Zeit, als dieses Genre wie etwa auch Dark Wave oder Synthiepop stark in Mode kam, auch ein bisschen Nachholbedarf. Denn die mittelalterrockige Undergroundszene wurzelte zum Teil im DDR-Indierock der späten Achtziger. Seit den Neunzigern breitete sich das Phänomen auch in den Westen aus, die Bands bekamen Namen wie Feuerschwanz, Tanzwut, Subway to Sally oder Saltatio Mortis.

Die Musiker von In Extremo, die ihre Band 1995 in Berlin gründeten, lieferten in Rostock eine Mischung aus Metal, Rock, Folk, Mittelaltermusik, Shantys und Saufliedern. Mit dem neuen Song „Störtebeker“ haben die Musiker ein auch zur Ostseeregion passendes maritimes Thema im Programm – aus so einem Stück haben Santiano eigentlich ihr gesamtes Repertoire entwickelt. Bei In Extremo ist es nur ein Teil eines größeren Ganzen.

Die Mittelalter-Attitüde zieht sich in dieser Band bis in die Kampfnamen der Musiker hinein: Die Mitglieder der Band titulieren sich zum Beispiel als Das letzte Einhorn (Gesang) und Flex, der Biegsame (Marktsackpfeife, Pfeifen, Schalmei, Drehleier) oder auch Dr. Pymonte (unter anderem Marktsackpfeife, Schalmei, Hackbrett und Harfe). Auch die Gewänder und ein bisschen die Bühnendeko orientieren sich an mittelalterlich anmutenden Ausstattungen. Im Sound natürlich auch einige Instrumente, vor allem die Dudelsäcke (die hier aber Marktsackpfeifen heißen und die deutschen Verwandten sind), die aber mit einem modernen Rock-Instrumentarium kombiniert werden. Manchmal auch mit recht recht hart gespielten Gitarren, da wagt sich die Gruppe hin und wieder bis hin in Rammstein-Gefilde vor. Das war dann die Aufgabe von Gitarrist Van Lange, der Bass wurde von einem Fabelwesen namens Die Lutter bedient.

Und in Rostock war das Konzert eine sehr basslastige Angelegenheit, die die Soundmixer da herstellten, manchmal schien der ganze Saal zu vibrieren. Der schweißtreibende Rock in der Kombination mit einem ausverkauften Haus erzeugte zudem eine hohe Luftfeuchtigkeit im Saal. Und das war auch irgendwie mittelalterlich.

Bei In Extremo sind es eigentlich Lieder, die von Not, Einsamkeit und auch vom Tod handeln, das letzte Einhorn (den Fans ist er auch unter dem bürgerlichen Namen Michael Robert Rhein bekannt) baute als Frontmann der Gruppe die Brücken zum Publikum.

Im Programm kamen auch ältere Titel zu Ehren, wie wie „Sängerkrieg“, „Spielmannsfluch“ oder „Nur ihr allein“. Dazu gab es „Quid pro quo“ und „Störtebeker“ vom gleichnamigen brandneuen Album. Von den neuen Titeln machte unter anderem „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ neugierig. Das war aber nur ein Zitat aus dem Lied „Die Wacht am Rhein“, das im 19. Jahrhundert sehr populär war. Bei In Extremo gab es in diesem Zusammenhang eine eher melancholische Note: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, ein jeder stirbt für sich allein“, so schallte es durch den Raum.

Die Feierlaune kulminierte in einem Lied wie „Sternhagelvoll“, das das das Publikum gut auf Touren brachte. Ein Sauflied, das die Toten Hosen sich in dieser Weise nicht trauen würden – zu explizit werden die Freuden des Alkohols verherrlicht. Im Mittelalterkontext – oder in dem, was wir vom Mittelalter zu glauben wissen – war das irgendwie nur logisch. Hoch die Tassen.

So boten die sieben Musiker in Rostock ein für alle Beteiligten sehr zufriedenstellendes Konzert. Nach diesem Warmwerden mit den neuen Songs soll die Tour von In Extremo richtig groß weitergehen.

Nicht nur Deutschland, auch Österreich, Schweiz, Weißrussland, Ukraine, Russland stehen dann auf dem Plan.

Thorsten Czarkowski

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