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Kultur „Café Coloré“ oder Heimatkunde im Revueformat
Nachrichten Kultur „Café Coloré“ oder Heimatkunde im Revueformat
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00:01 30.05.2016
Szenenausschnitt aus dem Tanztheater-Stück „Café Coloré“. Quelle: Fotos: Frank Hormann/nordlicht

Heimatkunde im Revueformat – das ist eine Art des Volkstheaters Rostock, den dünner werdenden Draht zum Publikum durch lokale Bezüge zum Glühen zu bringen. Der neueste ambitionierte Versuch „Café Coloré“ wurde Sonnabend uraufgeführt, eine performative Collage aus Tanztheater, Musik, Schauspiel und den effektvollen Künsten visueller Medien. Nahezu das gleiche Team, das im Vorjahr die Produktion „(No) Satisfaction – Rock und Rebellion am DDR-Meer“ herausgebracht hatte, liefert ein Remake der dort gefundenen Darstellungsformen. Nur der Gegenstand ist ein anderer.

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Die aktuelle Tanzproduktion des Rostocker Volkstheaters gibt eine ambitionierte Version der permanenten Selbstreflexion einer endlos dauernden Kulturkrise

Zum Schnittpunkt von großer und kleiner Geschichte wird das heutige Theaterhaus, das einst ein Gesellschaftshaus und Vereinslokal war und seit 1943 der provisorische Sitz des Theaters ist – 100 Jahre deutsche Geschichte als Geschichte eines lokalen „Unterhaltungsetablissements“. Auch diese Idee ist nicht neu. Sie fußt auf dem vorzüglichen Film „Le Bal – Der Tanzpalast“ Ettore Scolas von 1983, nur gewinnt sie hier nicht die gleiche ästhetische Stringenz, sondern verengt sich manchmal zur bloßen Heimattümelei oder wuchert zur bedeutungsschwangeren symbolischen Weltkunde aus.

Jörg Hückler hat das dramaturgische Konzept konstruiert, Texte geschrieben und die aus der Literatur zitierten ausgewählt, Katja Taranu hat es in Szene gesetzt, mit einer angestrengten, nicht immer treffsicheren Fantasie, und choreografiert in einer störrischen, eckigen Körpersprache, die beruhigendes Wohlgefallen vermeidet, zu Musikcollagen aus zeittypischen Formeln von Jan Paul Werge, im Bühnenbild von Stephan Fernau, das den prunkvollen Saal der ehemaligen „Philharmonie“ wiederholt, der zur Ruine zusammenbricht (was er ja in Realität ist, wenn auch eine „geschönte“), dazu Bebilderung durch raffinierte „Videospiele“ der Trailerwerkstatt Brockapov. Hauptreiz ist der fast überbordende Beziehungsreichtum, die ironische Brechung, die beklemmende Mischung von Tragischem und Komischem, die Konterkarierung des Einen durch das gleichzeitige Andere. Die achtköpfige Tanzcompagnie, grau gekleidet, als das gesichtslose Material der Geschichte, die dem, was die Geschichte ihr zumutet, mit slapstickhaften Körperreaktionen, mit Silben stammelndem Sprechgesang antwortet.

Seinen Anker findet dies in der vorzüglichen Darstellung Ulrich K. Müllers, der einen nach produktiver Identität Suchenden vorführt und in verschiedene zeitcharakteristische Rollen schlüpft (mit einer beklemmenden Hitler-Persiflage). Begleitet wird er von einer ominösen Tanz-Dame in Rot, der (laut Programmheft) „Seele des Hauses“ – eine Art mystische Schutzgöttin, in der sich eine Tendenz zur unverständlichen Verrätselung am deutlichsten markiert. Imponierend ist die handwerkliche Intensität, das fast verbissene Engagement, mit denen die Mitwirkenden zu Werke gehen, die erst im zweiten Teil, mit den witzigen Anspielungen auf die Rostocker Theatergeschichte, spielerische Leichtigkeit gewinnen. Zum Schluss, in der Gegenwart, mündet es, nach der sieghaften Fidelio-Ouvertüre, in die trostlose unentschiedene Ausgangssituation: Es ist, wie es war, und wie es war, bleibt es? Erheblicher künstlerischer Aufwand für eine dürre Botschaft.

Geschichte des Volkstheaters

April 1942 bei einem Luftangriff brannte das 1895 erbaute Stadttheater ab.

März 1943 wurde die an der Doberaner Straße gelegene „Philharmonie“ als provisorischer Sitz des Stadttheaters eröffnet. Diese ehemalige Tanzgaststätte von 1908, Nachfolgerin der „Felsengrotte“ und der „Brunnenhalle“, verfügte damals über einen der schönsten und größten Gesellschaftssäle in Mecklenburg mit Galerie und Bühne.

1913 ging das Etablissement in den Besitz der Gewerkschaften über und wurde zum Arbeiter-Vereinslokal; und wurde dann von den Nazis beschlagnahmt.

1975 wurde ein seit 1957 vorgesehener Umbau vorgenommen, der den heutigen Zustand herstellte.

Heinz-Jürgen Staszak

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