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Kultur Castorf und Rasche beim Theatertreffen
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00:05 05.05.2018
Neuer Star am Regie-Himmel, Ulrich Rasche (r.), inszeniert „Woyzeck“. Quelle: Foto: Annette Riedl/dpa
Berlin

„Jüngere Theaterregisseure mit eigenen, kraftvollen Handschrift machen sich auf den Weg. Die Generation der Ikonen wird abgelöst.“ Mit dieser Einschätzung stimmte Daniel Richter, Interims-Leiter des Theatertreffens in Berlin, auf den Jahrgang ein. Das Festival holt jedes Jahr im Mai die zehn bemerkenswertesten Theaterinszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum in die Hauptstadt. Die Auswahl ist stets umstritten. Vorab wurden aber alle 18 000 Karten für die Aufführungen zwischen 4. und 21. Mai verkauft.

Als neuer Stern am Regie-Himmel gilt Ulrich Rasche – auch schon 48 Jahre alt. Er sitzt in einer Loge im Haus der Festspiele, in der schon Erwin Piscator, der Avantgardist der 1920er Jahre, unbemerkt das Bühnengeschehen verfolgt haben soll. Rasche, haarloser Schädel und schwarze Theaterklamotten, mokiert sich über die Nachwuchsförderung der Branche, die er nicht durchschaut. „Wenn man nicht gleich bei der ersten Inszenierung an einem Haus einen durchschlagenden Erfolg hat, ist man weg vom Fenster“, sagt er. 2009 durfte er an der Volksbühne seine Auffassung von zeitgenössischem Sprechtheater umsetzen. Intendant Frank Castorf versprach ihm damals beim Schnitzel-Essen eine große Zukunft an seinem Haus, weil Rasche zur Ästhetik des Hauses passe. Dann hörte er nie wieder etwas vom großen Meister.

Gestern eröffnete das Theatertreffen mit einem fast siebenstündigen Faust von Castorf. Die Ikone verfügte, dass seine monumentale Abschieds-Inszenierung, mit der er seine 25-jährige Intendanz krönte, nicht an seinem alten Haus stattfinden dürfe. Er wollte damit seinen Nachfolger, den mittlerweile zurückgetretenen Chris Dercon, ärgern. Etwa eine halbe Millionen Euro und 15 Tage Aufbauzeit waren nötig, um die Aufführung am Haus der Festspiele neu einzurichten. Die in Mecklenburg eingelagerten Kulissen wurden nach Charlottenburg gebracht, wo der „Faust“ nun fünf Mal gezeigt wird.

„Castorfs Volksbühne hat mir zum Schluss nichts mehr erzählt, obwohl ich René Pollesch für einen großen Regisseur halte“, sagt Rasche. Er hat sich auch fern der kultigen Regietheater-Schmiede durchgesetzt. Mit Schillers „Räuber“, die er am Residenztheater München herausbrachte, wurde er 2017 zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Doch die Aufführung ließ sich aus technsichen Gründen nicht nach Berlin verpflanzen. Rasche platzierte die Schauspieler auf riesigen Laufbändern, die wie Panzerketten rotieren. Auch sein „Woyzeck“, den er in Basel produziert hat und der ihm nun zum zweiten Mal eine Nominierung zum Theatertreffen eingebracht hat, setzt auf eine technische Grundidee. Sie stellt die Figuren auf eine Scheibe, die von Anfang bis Ende in unterschiedliche

n Neigungen und Geschwindigkeiten rotiert.

Aus dem Text des Büchner-Stückes und der permanenten Bewegung leitet er eine eigens komponierte und live aufgeführte Musik ab. Sein Ziel ist es, eine eigene Kunstform mit hohem Wiedererkennungswert zu kreieren. „Ich werde in den nächsten Jahren immer bewegliche Elemente in meine Aufführungen integrieren“, versichert Rasche und sagt im Hinblick auf des Stück von Georg Büchner: „Es handelt von einer unabwendbaren Gewalt, die allen Verhältnissen innewohnt. Mein Woyzeck ist deshalb auch kein Schwächling, sondern ein starker, attraktiver Mann.“

Ulrich Rasche hält nichts von platten Vergegenwärtigungen. „Ich würde niemals einen Tambourmajor mit Bierflasche und Jogginghosen auf die Bühne stellen. Solche realistischen Schablonen verdecken, was sprachlich zu entdecken ist. Ich will nur reduzierte Figuren zeigen und den Text, damit der Assoziationsraum so groß wie möglich wird.“

Sich selbst bezeichnet Rasche als Schüler von Edith Clever, deren perfektionistische Spracharbeit er an der Schaubühne von 1998 bis 2000 als Regieassistent erlebt hat. „Wenn sie in die Proben kam, hatte sie jeden Text bereits mit Betonungs- und Pausenzeichen versehen.“ Auch Einar Schleef und sein chorisches Sprechen haben ihn maßgeblich inspiriert.

Karim Saab

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