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Kultur Cenerentola als unverbindliches Amüsement
Nachrichten Kultur Cenerentola als unverbindliches Amüsement
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00:00 02.10.2017
Eloïse Cénac-Morthé (Mitte) als Cenerentola und Takako Onodera (l.) und Katharina Kühn als albern-böse Schwestern. Quelle: Foto: Frank Hormann/nordlicht

Nach der eher desaströsen letzten Saison berappelt sich die Rostocker Oper. Jedenfalls erschien sie diesmal pünktlich zum Saisonbeginn wieder auf der Bühne des großen Hauses, blieb aber, wie in den letzten Notzeiten, auf der unverbindlichen publikumssicheren Spielwiese der heiteren Spieloper: Am Freitag mit der (wie immer) heftig beklatschten Premiere von Rossinis letzter Opera buffa „Cenerentola“, die hier treudeutsch „Aschenputtel“ heißt.

Aber in ihr geht es weder „aschig“ noch „puttelig“ zu, sie ist keine poetisch romantische Märchenoper, sondern eher eine nicht allzu quirlige, manchmal langatmige Verwechslungskomödie, die vorwiegend von ihrer eingängigen flinken und geschmeidigen Musik lebt. Sie basiert nicht auf der Grimmschen Fassung des Märchens, die jeder deutsche Zuschauer am Schnürchen hat: Hier gibt es keine Fee, kein Zauberbäumchen, keine pickenden Tauben, die böse Stiefmutter ersetzt durch einen eher schlauköpfig-trotteligen Stiefvater, die gläsernen Schuhe als Erkennungszeichen durch triviale Armreifen.

Inszeniert hat dies Anja Nicklich mit ihrer Ausstattungspartnerin Antonia Mautner Markhof, die am Rostocker Volkstheater schon mit „Falstaff“ (Mai 2016) und „Zar und Zimmermann“ (Januar 2017) reüssiert hatte, so dass man nun die dritte Auflage ihres „Personalstils“ erleben konnte. Sie versuchte einen doppelten Spagat. Zuerst gab sie der Verwechslungskomödie den erwarteten poetisch-märchenhaften Zauber.

Schon zur Ouvertüre tritt ein ostasiatischer Guru auf und übernimmt die Leitung des Orchesters und des Spiels, lässt Cenerentola auftreten, die den schon leicht ramponierten Schlosssaal putzen muss, und einen großohrigen, langschwänzigen Jungen (Marco Geisler), der eine Maus sein und Cenerentola helfen soll (wie wir vom Display erfahren). Was beide in der Folge dann auch tun und besonders am Schluss die Situationen zurechtrücken. Dabei gibt es sinnfällige Momente von echtem poetischem Zauber.

Dagegen steht die mitleidslose satirische Karikatur aller anderen Figuren, selbst des Prinzen, die sie alle zu mehr oder weniger leeren Laffen macht, Typen aus dem Opernwitzbuch, keine Charaktere.

Dabei entfaltet sich die besondere Begabung der Regisseurin, keinen szenischen Leerlauf zuzulassen, mit Tempo und Fantasie immer wieder neue witzige szenische Aktionen zu erfinden, die zwar nicht erzählen, aber treffend charakterisieren und genau auf dem Rhythmus der Musik sitzen. Womit sie das ganze Ensemble zu einer überzeugenden darstellerischen humorigen Leistung befeuerte.

Dies alles ließ manchmal die musikalische Gestaltung, die sich im mittleren Standard bewegte, in den Hintergrund treten: die solistischen Leistungen des zusammengesuchten Ensembles mit Eloïse Cénac-Morthé als Cenerentola an der Spitze, mit Václav Cikánek und Grzegorz Sobczak als Prinz und sein doubelnder Kammerdiener, mit Takako Onodera und Katharina Kühn als alberne Schwestern, mit Oliver Weidinger als hartherziger Vater und mit Byung-Gil Kim als Guru Alidoro und die routinierte Norddeutsche Philharmonie unter der Leitung von Kapellmeister Manfred Hermann Lehner.

Und dann versuchte Anja Nicklich diesem eher auf unverbindliches Amüsement zielenden Geschehen doch noch einen heutigen Sinn abzugewinnen. Am Schluss zeigt sich, überraschend und nicht ganz einsichtig, weil dazu mehr Psychologie nötig gewesen wäre, die Pointe: Cenerentola brauchte den Prinzen nur, um zu erkennen, dass sie keinen „Märchenprinzen“ braucht.

Gioachino Rossini (1792-1868)

„La Cenerentola, ossia La bontà in trionfo“ (Aschenputtel, oder Der Triumph des Guten), Komponiert in nur 24 Tagen und im Januar 1817 zum römischen Karneval uraufgeführt. Libretto von Jacopo Ferretti, geschrieben in 22 Tagen, auf der Grundlage zweier anderer Cenerentola-Opern anderer Komponisten von 1810 und 1814 und des französischen Märchens „Cendrillon“ (1697) von Charles Perrault.

Das deutsche Märchen „Aschenputtel“ ist erst 1812 von den Gebrüdern Grimm veröffentlicht worden. Nach anfänglichem Misserfolg behauptete sich die Oper bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf den europäischen Bühnen, deutsche Erstaufführung in Wien 1820 und in Berlin 1825.

Im vorigen Jahrhundert Wiederbelebung, erst seit den zwanziger, dann seit den achtziger Jahren. Als eine der interessantesten Inszenierungen gilt die der Dresdner Semperoper (1992) von Steffen Piontek, der auch Intendant in Rostock war.

Heinz-Jürgen Staszak

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