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Christos Kunstprojekt und die Kohle der Knarrenschmiede

Iseo Christos Kunstprojekt und die Kohle der Knarrenschmiede

Bei den „Floating Piers“ des weltberühmten Konzeptkünstlers auf dem norditalienischen Iseo-See hat die Waffenbauer-Dynastie Beretta offenbar kräftig mitgeholfen

Iseo. Dieser Kunstsommer ist gelb-orange. Mag Europa im Hintergrund gerade durchgeschüttelt werden, die Welt ist hypnotisiert von den leuchtenden Bahnen, die Land-Art-Routinier Christo (81) mit seinem Team auf den norditalienischen Iseo-See gezaubert hat. Hunderttausende pilgerten seit der Eröffnung am 18. Juni herbei, um barfuß über die aus 220000 stoffbespannten Schwimmkörpern bestehenden „Floating Piers“ zu wandeln. Obwohl der etwa drei Kilometer lange, mit den Wellen wankende Parcours manchmal so voll ist, dass sich die Besuchermassen bis ins Hinterland stauen, weht ein Hauch von Peace and Love über das vom Tourismus bislang eher in Ruhe gelassene Gewässer.

Wie die meisten Idyllen auf dieser Welt hat auch diese eine Schlagseite: Mitten im Lago d'Iseo liegt das Inselchen San Paolo. Es ist Privateigentum der Waffenherstellerdynastie Beretta. Christos Stege umrunden das ummauerte Feriendomizil, das Eiland ist integraler Bestandteil der Floating Piers. Frühzeitig hatte sich Christo um die Unterstützung von Juniorchef Franco Beretta bemüht – und er hat sie bekommen.

Worin sie genau besteht, ist nicht klar. Kein Geheimnis ist, dass Beretta bei der politischen Beschleunigung des Projekts geholfen hat. Christos Kunst findet draußen statt, da wo Eigentümer, Behörden und Gesetze lauern. 24 Jahre dauerte es, bis Christo den Berliner Reichstag verhüllen durfte. Dagegen mutet der Zeitraum zwischen Plan und Umsetzung für die Floating Piers geradezu surreal kurz an.

Nur gut ein Jahr dauerte es, bis Christo loslegen konnte. Und das im nicht gerade als Genehmigungsparadies geltenden Italien.

Zudem – so berichten einige Zeitungen – soll Beretta einen nicht unerheblichen Teil zum 15-Millionen-Budget für das bis 3. Juli gehende Projekt beigetragen haben. Das wäre für Christo, der immer seine finanzielle Unabhängigkeit betont hat, ein Novum. Auf Anfrage dementiert Alice Cavalcoli von der von Christo beauftragten PR-Firma Ogilvy & Mather Italy: „Die Familie Beretta finanziert dieses Kunstprojekt nicht.“ Sie erlaube nur die Einbeziehung ihres Privateigentums, sagt sie. Immer hätten Christo und seine 2009 gestorbene Ehefrau Jeanne-Claude die Projekte mit dem Verkauf von Vorbereitungsstudien und frühen Arbeiten aus den 50ern und 60ern finanziert. „Sie akzeptieren keine Spenden und kein Sponsoring“, so Cavalcoli. Den Ankauf von bis zu 1,5 Millionen Dollar teuren Christo-Werken durch die Familie Beretta schließt das nicht aus. Vielseitig interpretierbar ist ein Facebook-Post, der am 18. Juni auf der Beretta-Seite veröffentlicht wurde. Unter einem Foto der von Christos Stegen umrahmten Familieninsel heißt es etwas ungelenk formuliert: „Eine kleine Insel, die der Beretta-Familie gehört, spielt eine Hauptrolle in einer Kunstinstallation. Das nächste Mal erzählt dir jemand, dass Waffen keine Kunst machen?...“

Beretta, das rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt, gilt mit einer urkundlichen Ersterwähnung von 1526 als älteste Waffenschmiede der Welt. Napoleon kaufte hier ein, Mussolini, Hemingway. Heute bestellt die US-Armee ihre Dienstwaffen bei dem Unternehmen, das seinen Stammsitz unweit des Sees hat. Wie alle Handfeuerwaffen zirkulieren auch die Produkte der italienischen Nobelfirma weltweit – auch in dunklen Kanälen.

Der Künstler und die Knarrenbauer – nicht allen gefällt die Kooperation. Zur Eröffnung hatten Aktivisten die Bahnlinie nach Sulzano mit Baumstämmen und Ästen blockiert. „Beretta ist ein Komplize des Kriegs“, hieß es auf einem Spruchband. Im Feuilleton ist die Connection eher eine Randnotiz. Paul Russmann, Sprecher der ökumenischen Aktion „Ohne Rüstung Leben“ in Stuttgart, wundert sich über die Ruhe. „Wenn Heckler & Koch in Deutschland Kunstprojekte unterstützen würde, wäre hier sprichwörtlich der Teufel los. Das könnte sich kein Künstler von Rang und Namen leisten.“ Dass ein so kreativer, vielfältiger und bekannter Künstler wie Christo mit einem Waffenbauer kooperiere, so Russmann, „erstaunt mich doch als Pazifist und Christ sehr. Denn die Kunst von Christo ist sehr schöpferisch und konstruktiv“.

Christo hat im Laufe seiner jahrzehntelangen Arbeit schon mehrfach mit dem Thema zu tun gehabt. In Berlin mussten er, seine Frau Jeanne-Claude und seine Bodyguards nach Drohungen aus dem rechten Spektrum kugelsichere Westen tragen. Zu Infoveranstaltungen für das im US-Bundesstaat Colorado geplante Projekt „Over The River“ rückten Protestler der Tea-Party-Bewegung schon mal mit dem Revolver an.

Ob es sich dabei um Produkte aus dem Hause Beretta handelt, ist allerdings nicht bekannt.

Jürgen Kleindienst

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