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Chronist seines Zeitalters

Lübeck Chronist seines Zeitalters

Ich will die Menschen erreichen. Ich will nicht, dass die Sachen, die ich schreibe, nur von einer Handvoll Leuten gelesen werden.

Lübeck. I ch will die Menschen erreichen. Ich will nicht, dass die Sachen, die ich schreibe, nur von einer Handvoll Leuten gelesen werden. Das fände ich sinnlos. Dann könnte ich ja genauso gut etwas anderes machen.“ Als er das sagt, ist Karl Ove Knausgard 19 Jahre alt, Stipendiat an der Akademie für Schreibkunst in Bergen und getragen von jugendlichem Größenwahn. Und heute, gut 35 Jahre später, hat Karl Ove Knausgard es geschafft.

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Ich will die Menschen erreichen. Ich will nicht, dass die Sachen, die ich schreibe, nur von einer Handvoll Leuten gelesen werden.

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Mit einem sechs Bände starken autobiografischen Mammutwerk, das in Norwegen unter dem Titel „Min Kamp“ („Mein Kampf“) erschienen ist, hat er einen regelrechten Knausgard-Hype ausgelöst: Von seinen mehr als 3000 Seiten starken Bekenntnissen sind in seinem Heimatland Norwegen mit fünf Millionen Einwohnern inzwischen eine Million Exemplare verkauft. Die ersten drei Bände erschienen dort 2009, die drei letzten in den beiden folgenden Jahren. „Min Kamp“ wurde in 30 Sprachen übersetzt, ein Welterfolg. Der deutsche Verlag Luchterhand zählt bislang 300000 verkaufte Knausgards; seit Herbst 2015 ist der fünfte Band „Träumen“ auf dem Markt, der sechste wird noch übersetzt, er soll erst 2017 erscheinen. Und das Feuilleton versucht derweil zu ergründen, was den Erfolg dieser Wälzer ausmacht, in denen ein Mann sein Leben auslotet.

Eine Vermessung des Lebens Denn nichts anderes tut Knausgard auf mehr als 3000 Seiten. Er schildert sein Leben bis in die kleinsten Verästelungen seines Alltags und seiner seelischen Befindlichkeiten, und er kennt dabei keine Schamgrenze. Mit schonungsloser Offenheit erzählt Knausgard in „Sterben“ vom Tod seines Vaters, der sich zu Tode trank, beschreibt in grausamer Präzision dessen vollständige Verwahrlosung. Er schildert in „Lieben“ seinen Alltag als Vater und Ehemann, das Lavieren zwischen Kunstanspruch und Kindergeburtstagen. Sein Ringen um Männlichkeit und Freiheit, gefangen in den Banalitäten des Beziehungsalltags mit der Schriftstellerin Linda Boström, findet auf dem Papier statt.

Es ist eine Vermessung des Lebens als moderner Mann: „In der Klasse und der Kultur, der wir zugehörten, hieß dies, dass wir beide in dieselbe Rolle schlüpften, die früher die Rolle der Frau war. An sie war ich gebunden wie Odysseus an den Mast: Wollte ich mich befreien, so war dies möglich, aber nicht ohne alles zu verlieren, was ich hatte. So kam es, dass ich modern und verweiblicht mit einem wutschnaubenden Mann aus dem 19. Jahrhundert im Inneren durch die Straßen Stockholms lief.“ Knausgard macht sein Innerstes öffentlich und schont dabei weder sich noch die Seinen, offenbart noch das Intimste, seine abstoßenden, jämmerlichen Seiten, den Selbstekel, das Trinken. Er schreibt bis zur vollständigen Entblößung und entfaltet dabei einen ungeheuren Sog, selbst dann noch, wenn man sich eigentlich angewidert abwenden möchte von diesem hemmungslosen Exhibitionismus.

Karl Ove Knausgard, ein attraktiver Mann mit wachen, wasserhellen Augen, ist kein unbedingt sympathischer Zeitgenosse, keine Identifikationsfigur. Kettenraucher, exzessiver Trinker und Narzist, gehemmt und zermürbt von Selbsthass und Zweifeln an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller: „Tatsächlich hatte ich überhaupt keine Fantasie, alles, was ich schrieb, war eng mit der Realität und den Erlebnissen darin verbunden.“ Er will Großes und bleibt gefangen im Kleinen. Knausgard will gefallen, gesehen und bewundert werden — und als extrem introvertierter Charakter dennoch am liebsten aus der Gesellschaft und dem Blick der anderen verschwinden. Sein voluminöser autobiografischer Roman hat die Wucht eines Befreiungsschlages: „Ich durfte nicht mehr feige sein, ich durfte nicht mehr ausweichend und vage sein, ich musste ehrlich, geradlinig, direkt, aufrichtig sein“, schreibt Knausgard. „Ich musste den Menschen in die Augen sehen, und ich musste dazu stehen, wer ich war, was ich dachte und was ich tat.“

Mit 39 Jahren, im selben Alter, in dem sein Vater die Familie verließ, fängt Karl Ove Knausgard an, „Min Kamp“ zu schreiben. Er schreibt wie ein Besessener drei Jahre hindurch. Es ist ein gewaltiges Erinnerungsprojekt, das dabei entsteht. Knausgard erzählt dabei nicht chronologisch, sondern scheinbar assoziativ, er schreibt vom Kleinen ins Große, und in genau diesem Kleinen, Profanen finden seine Leser sich wieder. Denn in der erinnerten Erzählung seines Lebens lässt Knausgard die Stimmungen und Gefühle von Lebensaltern aufsteigen und spiegelt darin auch das Lebensgefühl seiner Generation und ganzer Jahrzehnte wider.

Es ist das Zurückholen verlorener Zeit, ein Kampf auch gegen den ewig fortschreitenden Verlust — und damit wird sein Schreiben dann doch zu großer Literatur, denn Knausgard spiegelt eben nicht nur sich selbst. Er wird zum Chronisten seines Zeitalters und ist damit tatsächlich ein maßgeblicher Autor geworden. Frei gemacht hat ihn das offenbar nicht: „Ich mache mir nichts vor, ich weiß, dass ich gut schreibe, aber ich weiß auch, dass mein Schreiben minderwertig ist. Keine Rezension und kein Verkaufsrekord wird das ändern.“

Buch-Tipp

„Träumen“ heißt der fünfte Band von Karl Ove Knausgards autobiografischem Romanzyklus „Min Kamp“ — dessen Titel nach Aussage des Autors auf den oft wiederholten Spruch seiner Großmutter zurückgehe, das Leben sei ein Kampf. „Träumen“ ist ein Bildungsroman und erzählt von den 14 Jahren, die der junge Knausgard in den neunziger Jahren in Bergen verbringt, zunächst als Stipendiat an der berühmten Schreibakademie von Bergen, später als Literaturstudent mit großen Ambitionen und schwindendem Vertrauen in seine Berufung zum Schriftsteller.

Eine fürchterliche Zeit sei es gewesen, schreibt er rückblickend: „Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande.“ Was, wie es der Titel auch andeutet, nur die halbe Wahrheit ist, denn Knausgards Zeit in Bergen war auch eine Zeit großer Freiheiten, des Rausches, des Träumens und Wachsens. Und auch des Scheiterns.

Karl Ove steht die Welt offen. Er lebt nicht mehr unter dem Schatten des Vaters, Familie ist ihm vor allem sein älterer Bruder Yngve, der ebenfalls in Bergen studiert. Es ist die Zeit der ersten Freundin, der ersten großen Liebe, der ersten Ehe, erster literarischer Erfolge. Höhenrausch und Liebesglück wechseln mit alkoholischen Exzessen und Abstürzen in tiefste Selbstverachtung — ein Roman über die Lehrjahre eines angehenden Schriftstellers.

Das Buch „Träumen“ von Karl Ove Knausgard,

Luchterhand, 24,99 Euro

Von Regine Ley

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