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Cornelia Funke über neuen „Drachenreiter“

Von Fantasie und Umwelt Cornelia Funke über neuen „Drachenreiter“

Cornelia Funke lässt den „Drachenreiter“ zurückkehren: 19 Jahre nach ihrem Fantasy-Hit hat die Autorin einen - lang ersehnten - zweiten Band geschrieben.

Hamburg. „Fantasie ist nur ein Ergebnis unserer Welt“, sagt Cornelia Funke und nippt am Rhabarbertee mit Vanille-Aroma, „deshalb muss sie genährt werden durch das, was uns umgibt.“

In der kuscheligen Bibliothek eines Hamburger Hotels mit Blick auf die Elbe plädiert die Bestseller-Jugendbuchautorin („Tintenwelt“, „Die wilden Hühner“) für einen Umgang mit der Umwelt, bei dem sich Natur, Mensch und Tierarten möglichst frei entwickeln können. Den Sinn dafür möchte die 57-Jährige auch mit „Die Feder eines Greifs“ schüren.

Die Geschichte führt Drachen, Menschen und anderes Getier bis in den Dschungel Indonesiens. Das Werk erscheint am am heutigen Montag in 100 000er Startauflage im Hamburger Verlag Dressler.

Frage: Frau Funke, Ihr großer „Drachenreiter“-Erfolg von 1997 mit internationaler Drei-Millionen-Auflage liegt lange zurück. Warum erst jetzt die Fortsetzung?

Antwort: Das erste Mal habe ich mich ja schon nach 13 Jahren hingesetzt, weil mich so viele Kinder um eine Fortsetzung gebeten hatten. Mir fielen auch immer Motive für eine neue Geschichte ein, die sich aber nie richtig entfalteten. Dann fing ich vor zwei Jahren in Los Angeles an, mit anderen Künstlern an einem digitalen „Drachenreiter“-Projekt zu arbeiten, das 2017 in Comic-Form als drittes Drachenreiter-Abenteuer herauskommt. Während der Recherche dazu bekam ich erneut solche Lust auf die Figuren und die Welt, dass sich „Die Feder eines Greifs“ ganz leicht schrieb. Ich denke nun schon über weitere Teile nach.

Frage: Sie betonen gern, dass Sie nie belehren wollen. Dennoch spürt man in Ihrem neuen Buch bei allen irrwitzigen Abenteuern ein gewisses ernsthaftes Anliegen - ein Engagement für Natur und Fantasie.

Antwort: Ja - ich glaube sogar, noch mehr für die Natur. Die Fabelwesen verkörpern für mich, was an dieser Welt alles fantastisch ist. Sie sind im Grunde nur der Ausdruck dessen, was uns an ihr so verzaubert und was das Leben lebenswert macht. Außerdem symbolisieren sie für mich die Sehnsucht des Menschen, mit anderen Wesen zu kommunizieren. Wesen, die zwischen Tier und Mensch vermitteln. Dahinter steht für mich aber immer der Wunsch, wieder eins mit der Natur zu sein, die uns hervorgebracht hat, in all ihrer Schönheit und ihrem Schrecken. Gerade die Verbindung von Kindern und Jugendlichen zur Natur ist ja im Schwinden, weil wir immer mehr in Städten leben. Dadurch ist uns fast schon nicht mehr bewusst, wie sehr wir Teil des natürlichen Lebens auf diesem Planeten sind und wie sehr unser Überleben davon abhängt.

Frage: Sie selbst sind mittlerweile sogar Botschafterin der UN-Dekade „Biologische Vielfalt“.

Antwort: Ich werde mich in den nächsten Jahren verstärkt für das Bewusstsein einsetzen, wie wichtig eine Beziehung zur Natur ist. Dass Kinder wissen, wie eine Kartoffel wächst und dass sie nicht immer so aussieht wie im Supermarkt und was sie selbst ganz konkret angesichts von Erderwärmung und Artensterben tun können. Dass wir diesen Planeten verantwortlich mit anderen teilen, mit anderen Kulturen, Tieren und Pflanzen, statt uns wie Plünderer zu gebärden, die nur das Recht des Gierigsten und Stärksten praktizieren. In Amerika engagiere ich mich dafür unter anderem beim Sierra Club der Wilderness Society und den TreePeople, internationaler bei Conservation International, die auch in Asien aktiv ist.

Frage: Wie geht man es an, solche Gedanken in ein Buch wie „Die Feder eines Greifs“ einzubauen?

Antwort: Als es an den „Greif“ ging, habe ich viel zum Thema Natur recherchiert, nicht nur aus Texten, sondern etwa auch durch Menschen, die im Naturschutz aktiv sind. Ein wunderbarer Helfer war übrigens Winston Setiawan, ein 13-jähriger Leser aus Indonesien, der seit langem auf meiner Website aktiv ist. Er hat mir etwa von seinen Lieblingsmärchen und Fabelwesen erzählt. Und er hat die indonesischen Worte gesprochen und als Tonspur geschickt, was extrem hilfreich für unser von Rainer Strecker und mir eingelesenes Hörbuch war. Ich habe Winston aus Dank zu einer Buchfigur gemacht - unter seinem richtigen Namen kommt er als ein weiterer Drachenreiter vor.

Frage: Im Juli sind Sie von Los Angeles in den kleinen Nachbarort Malibu am Pazifik gezogen. Ebenfalls Ausdruck Ihrer Naturverbundenheit?

Antwort: Vermutlich. Ich wohne allerdings nicht am Strand, sondern in einer Schlucht, in der die Rehe den Hang hinaufkommen, die Kojoten mit den Hunden um die Wette heulen und bei Sonnenuntergang die Fledermäuse um meine Eukalyptusbäume schwirren. Zu Fuß bin ich in zehn Minuten am Meer und meine Projekte in L.A. sind mit dem Auto schnell zu erreichen. Meine Tochter Anna und mein Sohn Ben leben inzwischen beide in L.A.

Frage: Gibt es schon Pläne, den „Drachenreiter“ zu verfilmen?

Antwort: Ja, ich habe die Filmrechte am Erstbuch an die Münchner Constantin verkauft. Die haben vor, einen Animationsfilm daraus zu machen. „Die Feder eines Greifs“ habe ich noch nicht verkauft, denn ich möchte doch erst einmal gern sehen, wie der erste Teil ausfällt.

Frage: Möchten Sie gelegentlich auch einmal etwas völlig anderes schreiben - ein Sachbuch oder einen ernsthaften Liebesroman?

Antwort: „Das goldene Garn“ ist für mich ein ernsthafter Liebesroman. Das Fantastische gehört für mich dazu, weil ich das Gefühle habe, der Wirklichkeit damit näher zu kommen. Wenn ich im „Reckless“-Band „Das goldene Garn“ eine Heldin schildere, die sich in einen Fuchs verwandeln kann, finden sich viele Frauen in diesem Gestaltwandel wieder. Vielleicht, weil Frauen sich doch eher als Teil dieses Planeten statt als sein Eroberer sehen.

Frage: Apropos „Reckless“: Stimmt es Sie eigentlich traurig, dass die drei Romane nicht ganz so erfolgreich waren? Die deutsche Auflage etwa des ersten Bands „Steinernes Fleisch“ von 2010 beträgt für Ihre Verhältnisse inzwischen bescheidene 400 000.

Antwort: Das ist sehr interessant, dass Sie das sagen. Für mich ist „Reckless“ das wichtigste Buch meiner Karriere. Der erste Band hatte mir zunächst international bei all meinen Verlegern Schwierigkeiten bereitet. Es hieß, „was treibt die Funke denn jetzt? Wir wollen in der Tintenwelt bleiben.“ Da war es für mich als Künstlerin wesentlich zu sagen, „ich schreibe diese Geschichte trotzdem und schaffe es, die Leser zu überzeugen.“ Die Sprache ist anders, erwachsener, die Helden zwiespältiger. Und nach acht Jahren Arbeit fühle ich mich wie Sir Edmund Hillary auf dem Mount Everest, weil inzwischen viele Leser sagen, es seien ihre Lieblingsbücher. Die Auflagenzahlen sind für mich sehr gut - es müssen nicht immer Millionen sein. Ich bin gerade mit dem vierten Band beschäftigt - „Die Inseln der Füchse“. Die Geschichte wird in Japan spielen.

ZUR PERSON: Cornelia Funke, geboren am 10. Dezember 1958 in Dorsten (Nordrhein-Westfalen), ist eine der international erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Bei einer Gesamtauflage von weit mehr als 20 Millionen Exemplaren wurden ihre Werke in 37 Sprachen übersetzt. Der große Durchbruch gelang der heute im Malibu (USA) lebenden preisgekrönten Schriftstellerin 2002, als ihr in Deutschland bereits 2000 publiziertes Buch „Herr der Diebe“ in den Vereinigten Staaten erschien. Zu ihren weiteren Erfolgen gehören die Erzählfolgen „Die Gespensterjäger“ (1994-2001), „Die wilden Hühner“ (1993-2003), „Tintenwelt“ (2003-2007) und „Reckless“ (seit 2010). Funke ist verwitwet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

dpa

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