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Kultur „Da wird auch mal eingeschenkt“
Nachrichten Kultur „Da wird auch mal eingeschenkt“
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00:00 17.02.2017

Anfang März erscheint Ihr Luther-Buch „Evangelio“. Wann haben Sie zuletzt mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen?

Feridun Zaimoglu: Ich war letztes Jahr auf der Wartburg, und da waren sie dabei, Luthers Zimmer zu renovieren. Der Tintenfleck sollte übertüncht werden. Jeder wollte als Souvenir etwas von der Wand abkratzen, und sie waren es leid, das ständig zu reparieren. Aber es war ja ohnehin eine Legende. Luther hat gesagt, er werde mit der Tinte dem Teufel beikommen, und meinte damit zunächst einmal die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche.

Und er ist dem Teufel recht gut beigekommen.

Zaimoglu: Ich habe mir deutsche Bibeln vor Luther angeschaut und feststellen müssen, dass man von den steifen Formulierungen und den Wurmfortsätzen Kopfschmerzen bekommt. Luther hat da als Meister des Wortes wirklich großartige Arbeit geleistet. Und zwar weil er die Gelehrtenkammer verlassen und dem Volk den richtigen Ton und die richtigen Worte abgelauscht hat.

Ist er Ihnen ein Bruder im Geiste im Umgang mit der Sprache?

Zaimoglu: Es wäre vermessen, aber natürlich entzündet sich auch für mich alles am Wort. Für Luther war das Wort heiliger Geist. Und Bruder im Geiste? Ja, ich bin begeistert vom Wort, vom deutschen Wort. Und ich bin unbedingt immer überzeugt gewesen, dass man alles, aber auch wirklich alles, auch das Wolkige und Schäumende, das Unsichtbare im Deutschen ausdrücken kann.

Darum wird es auch jetzt beim Lübecker Autorentreffen gehen. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenkunft?

Zaimoglu: Es ist kein Kaffeekränzchen, auch kein Klassentreffen. Wir treffen uns, um aus aktuellen Manuskripten und Texten zu lesen, und halten alle viel von Benimm und Höflichkeit. Wir halten aber nichts davon, nur hohle Komplimente auszustellen. Es geht um harte Arbeit am Text. Das ist schon mal sehr gut. Ich werde in Lübeck aus „Evangelio“ lesen und bin gespannt auf die ersten Reaktionen. Ich war jetzt einige Male da und möchte es nicht missen.

Es geht dabei schon schonungslos zu?

Zaimoglu: Ja, es bringt ja für niemanden etwas, wenn man nicht davon ausgehen kann, dass hier wirklich ehrlich geurteilt wird. Da wird auch mal eingeschenkt.

Besprechen Sie Ihre Texte auch sonst mit anderen?

Zaimoglu: Nein, Lübeck ist eine Ausnahme. Ich diskutiere den Text ja auch erst nach der Abgabe mit meinem Lektor. Ich stelle ihm die Idee vor, er sagt: Ja, tue es, und dann setze ich mich hin. Was aber nicht heißt, dass ich beratungsresistent wäre, um Gottes Willen. Besserung und Änderung zum Guten ist immer wunderbar. Diesen Weg gehe ich ja auch in den Tagen des Lektorats. Aber ich denke schon, dass ein Schreiber sich auf seinen Hosenboden setzen soll und schreiben. Es ist harte Arbeit und dauert bei mir erst mal lange. Ich brauche Zeit für die Recherche, weil ich keinen Computer habe und nicht google. Ich gehe selbst an Schauplätze und sehe mich um. Es dauert Monate, bis ich einen Szenenablaufplan für den Roman erstellt habe, und erst dann setze ich mich hin.

Sie schreiben Romane, Theaterstücke, Sie malen. Jetzt haben Sie auch mit der Lübecker Künstlerin Ute Friederike Jürß eine Audioinstallation gemacht. Wie kam es dazu?

Zaimoglu: Sie hat mich einfach angerufen, mir ihre Kunst vorgestellt, und ich brauchte keine Bedenkzeit. Dann ging es an die Arbeit, und im Gespräch mit ihr ist vieles entstanden. Toll! Ich lobe sie als eine große Künstlerin. Ich wäre sofort wieder dabei.

Man kommt in diesen Tagen nicht an Donald Trump vorbei. Was hätte Günter Grass im Angesicht dieses Mannes im Weißen Haus getan?

Zaimoglu: Ich kann da nur spekulieren, aber er hätte wohl darauf hingewiesen, dass es sich bei Donald Trump in jeder Hinsicht um einen obszönen Mann handelt, der das Vulgäre zum Geschäft, zum politischen Geschäft macht. Ein Trump und ein Putin werden sich sehr gut verstehen als Männer, die sich über Macht definieren. Ich glaube, dass Trump ein dummer Mensch ist. Das ist keine Überheblichkeit, aber dumme Menschen sind gefährlich, weil für sie alles über Kraft, Gespei und Geschrei geht. Solche Menschen können auch sehr schnell fallen.

Wird es böse enden?

Zaimoglu: Ich weiß nur, dass solche Männer, um mit der Kraft zu protzen, die sie nicht haben, gern auch mal Männer und Frauen in den Krieg, in den Tod schicken. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Trump die Gelegenheit auslassen wird, von inneren Schwächen und Missmanagement abzulenken. Wir haben oft genug gesehen, dass irgendwo ein Feind markiert und ein Krieg entfesselt wird. Und dann kennt man auch die hohlen Patrioten, die sofort Hurra brüllen. Ich hoffe, es kommt nicht so weit. Aber so wie er es anstellt, ist jedenfalls mit Mist und Ärger zu rechnen.

Interview: Peter Intelmann

OZ

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