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Kultur Darß-Museum stößt Türen zum Weltkulturerbe auf
Nachrichten Kultur Darß-Museum stößt Türen zum Weltkulturerbe auf
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13:50 25.04.2018
Echtes Handwerk: Kunsttischler René Roloff bearbeitet in seiner Werkstatt eine Darßer Tür. Quelle: Foto: Ulrike Oehlers/dpa
Prerow

Auf dem Darß scheinen die Bewohner besonders abergläubisch zu sein. Schon an der Schwelle ihres Heims wollen sie sich gegen das Böse wappnen und lassen seit Generationen allerhand Symbole in ihre Haustüren schnitzen: schuppenartige Panzer gegen Blitzschlag, heidnische Sonnenkreuze zum Schutz vor Hexen und Dämonen, Pflanzen als Zeichen für Leben, Sonnen als Symbol für Licht.

20 000 Gäste staunen jedes Jahr über die einzigartigen Pforten in Prerow

„In den Türen verbirgt sich vieles, was für einen Außenstehenden gar nicht erkennbar ist“, erzählt René Roloff, der gemeinsam mit seinem Bruder Dirk nicht nur historische Darßer Türen restauriert, sondern auch neue nach alter Tradition fertigt. Diese geht zurück auf das späte 18. Jahrhundert, als die Seefahrt den Bewohnern der Halbinsel zu einem gewissen Wohlstand verhalf, der auch gezeigt werden sollte.

„Die Türen wurden zum Statussymbol. Die Seefahrer kamen ja in der Welt herum und wussten, was in den großen Städten gerade Mode war“, sagt René Roloff. Die alten Darßer Türen seien vor allem zwischen 1790 und 1850 entstanden, der Zeit des Klassizismus: kantige Formen, gerade Linien, viele Anleihen bei der griechisch-römischen Antike. „Das holten sie sich in ihre dörfliche Welt. Je älter eine Tür ist, desto strenger ist der Stil ihrer Gestaltung“, berichtet der Tischler. Später seien immer neue Motive hinzugekommen. Kraniche als Glückssymbol zum Beispiel gebe es auf alten Türen nicht.

Durch die Vermischung der Weltläufigkeit mit der tief verwurzelten dörflichen Tradition magischer Symbole sei eine einzigartige Marke entstanden: die Darßer Türen. Und diese Bezeichnung haben sich die Roloffs schützen lassen. „Wir wollen nicht, dass eines Tages Darßer Türen in China hergestellt werden“, sagt René Roloff zur Begründung. Wie sein Bruder ist er nicht nur Tischlermeister, sondern auch gelernter Holzbildhauer und Restaurator.

Der Förderverein des Prerower Darß-Museums will die Darßer Türen in das immaterielle Kulturerbe aufnehmen lassen, zu dem bundesweit schon 80 Bräuche, Traditionen oder Handwerksberufe gehören.

Darunter sind unter anderem die Köhlerei, das Reetdachdecker-Handwerk oder die Flößerei. Wie Museumsleiterin Antje Hückstedt sagt, wurde das Aufnahmeverfahren für die Türen im Vorjahr beantragt. Für die 20 000 Museumsgäste in jedem Jahr seien die bemalten Türen schon jetzt einer der Hauptgründe für den Besuch. „Neben der Zeesboot-Geschichte sind die Türen der Glanzpunkt unseres Museums“, betont Hückstedt.

Nach Angaben Roloffs waren von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die symbolbeladenen Türen nicht mehr gefragt. Erst als der damalige Bürgermeister 1931 ein neues Gemeindeamt bauen ließ, sich der alten Tradition besann und eine Eingangstür nach historischem Vorbild bei der 1832 gegründeten Kunsttischlerei Roloff in Auftrag gab, lebte der Brauch wieder auf. Die schmucke Holztür mit Tulpenstrauß, Sonne, Blüte und Anker gibt es immer noch – am Eingang des heutigen Kur- und Tourismusbetriebs in Prerow.

Wie viele Originale beim Abbruch alter Häuser verloren gingen, kann Roloff nicht sagen. „Vor 100 Jahren hatte man kein Bewusstsein für deren kulturellen Wert. Wer heute noch eine historische Darßer Tür besitzt, weiß aber, was er hat und hütet sie. Wir selber haben lange versucht, ein Original zu bekommen - keine Chance“, berichtet Roloff. Längst nicht jede dieser Türen diene auch heute noch als Hauseingang. Viele seien zu Ausstellungsstücken geworden, unter anderem im Darß-Museum.

Nach Schätzung von René Roloff gibt es in Prerow mehr als 100 Ornament-Türen, auf der Halbinsel Darß insgesamt vielleicht 200. Die meisten der in seiner Werkstatt neu geschaffenen Türen gehen an Auftraggeber von außerhalb. „Auch ins Ausland. Die Kunden haben meistens irgendeine Beziehung zum Darß, aber sie bestellen im Grunde eine individuelle Tür mit einer eigenen Symbolik“, berichtet Roloff.

Die Nachfrage nach den Türen sei groß, die Wartezeit lang, denn die Ornamente lägen bei ihm nicht auf Vorrat. Ob die Motive tatsächlich vor Unheil schützen? „Bisher hat sich noch keiner beschwert“, sagt Roloff.

Ulrike Oehlers

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