Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Das Bild des Menschen

Ahrenshoop Das Bild des Menschen

Ahrenshoop feiert 125 Jahre Künstlerkolonie mit Blick zurück, in die Gegenwart und nach vorn

Ahrenshoop. Da geht er nun. Mit Stock und Hut und Landkarte ganz in Lila-Schwarz aus Stahlrohr und Multiplexsperrholz. Ob ihm das gefallen hätte, dem Paul MüllerKaempff (1861-1941)? In der fünf Meter hohen Skulptur des Hallenser Künstlers Moritz Götze (52) hat der Gründervater der Ahrenshooper Künstlerkolonie vom Bakelberg aus das Ostseebad fest im Blick. Er schaut auf Kunstmuseum, Galerie Alte Schule, Kunstkaten, Strandhalle, Neues Kunsthaus, Künstlerhaus Lukas, das er mal erbaut hat, und all die Ausstellungen, die dort das Jubiläum ehren. Und vom Schifferberg im Dorfkern blickt ihn ein altes Malweib an. Fünf Meter hoch, magenta-schwarz, Stahlrohr, Multiplex vom Götze.

Diese Klammer zeigt den Ansatz, mit dem Ahrenshoop seinen 125. Geburtstag der Künstlerkolonie feiert. Götzes Skulpturen erregen Aufmerksamkeit, gefallen nicht jedem, regen zum Diskurs, zum Streit, lassen Urlauber auch einfach mal fragen, wer der Kerl mit dem Hut denn sei. Die Festwoche, die Samstag eröffnet wurde, läuft unter dem Credo: Sattgucken in Ahrenshoop. Aber auch unter dem Motto:

„Tradition bewahren – im Zeitgeist leben“. Ahrenshoop will kein historisierender Aufbewahrungswallfahrtsort für Malerei sein. In Ahrenshoop soll in und mit der Kunst gearbeitet und gelebt werden.

Beispiel Kunstmuseum. Katrin Arrieta hat vier Ausstellungen kuratiert, die seit Samstag laufen, das Erbe bewahren, die Geschichte erzählen und im Zeitgeist andocken. In zwei Sälen hat sie in der zentralen Jubiläumsausstellung „Licht, Luft, Freiheit“ 80 Bilder der großen Vertreter der Künstlerkolonie gehängt. Aus dem Bestand, aus privaten Sammlungen und Museen europaweit. Klassische Landschaftsbilder vor der Natur gemalt, wie es die Granden der Freilichtmalerei vorgelebt haben: „Hofstelle auf dem Fischland“ (1889) und „Der alte Schifferfriedhof“ (1893) von Paul Müller-Kaempff, „Buchen bei Prerow auf dem Darß“ (1882) von Hermann Eschke, „Interieur im Haus Lukas“ (um 1900) von Elsbeth Müller-Kaempff. Naturbilder und Bilder des Menschen in der Natur, in seinem dörflichen Arbeitsumfeld von Friedrich Wachenhusen, Oskar Frenzel, Fritz Grebe, Theobald Schorn, Heinrich Schlotermann, Hugo Richter-Lefensdorf, Louis Douzette – eine Wand für Anna Gerresheim und eine für Elisabeth von Eicken. Der berühmte Blick auf das Hohe Ufer kommt gleich drei Mal vor – Karl Lorenz Rettich, Carl Malchin, Müller-Kaempff.

Dazu hat die Kuratorin 40 Werke der Klassischen Moderne von Dora Koch-Stetter, Alfred Partikel, Dörte Helm, Kate Diehn-Bitt bis Emil Oberländer und Gerhard Marcks zusammengefasst. Und dem allen in der Schau „Morgner am Meer“ 69 Zeichnungen und fünf Gemälde von Michael Morgner (75) aus Chemnitz gegenübergestellt. Ostseemotive, Ahrenshoop-Bilder, Darßansichten einer ganz anderen Herangehensweise – brachial, berserkerhaft, physisch, direkt. Der menschliche Körper in der Landschaft, meist in der Konfrontation mit dem Meer. Stets vom Dunkel zum Licht. Zur Abrundung im Foyer die 24 wiederentdeckten expressionistischen Werke von Egon Tschirch (1889-1948) aus Rostock. Katrin Arrieta sagt zu der Festwoche: „Ich freue mich darauf, dass das Thema Künstlerkolonie so offen im Ort, auf der Straße gefeiert wird und diskutiert wird. Das hat es ja noch nicht gegeben, dass das alle im Ort genießen können. Man kommt sich auch näher dabei.“

500 Meter vom Kunstmuseum entfernt haben der Dresdner Kurator Paul Kaiser (55) und der Ahrenshooper Galerist Robert Dämmig (51) in der Galerie Alte Schule, im Kunstkaten und in der Strandhalle den zweiten Kunstcluster installiert. „Elbhang und Weststrand – Dresdner Künstler in Ahrenshoop“ zeigt, dass die Künstlerkolonie kein temporär festgelegter Zeitraum von 40 Jahren war, der mit dem Beginn der DDR abgeschlossen war. Kaiser sagt: „In Dresden war das Zentrum der Künste nicht in der Akademie, sondern jenseits der Akademie.“ Ahrenshoop war bereits seit den 50er Jahren Zufluchtsort und neben Hiddensee auch Aktionsraum der Künstler. Eben keine Staatskunst, sondern Zeitzeichen einer Rebellion, die sich bis zur Wende dort austobte, wie es sich an Stefan Plenkers Strandbild, „Bootsfriedhof“ (1984) zeigt, das, so Kaiser, „das wichtigste Strandbild der späten DDR“ sei, weil es deren Ende vorwegnehme. Kaiser und Dämmig zeigen die Anfänge in der jungen Republik bis zum Zerfall mit Arbeiten von Künstlern aus dem Dissidentenmilieu der 80er Jahre, wie Christine Schlegel, Andreas Küchler und Egon Pukall. Paul Kaiser: „Es ist das erste Mal, dass die Kurverwaltung diesen Aspekt in seinen Fokus rückt.“ Den Kunstkaten haben Kaiser und Dämmig allein für Edmund Kesting (1892-1970) und Hans Kinder (1900-1986) freigehalten, die beide lange in Ahrenshoop gelebt und gewirkt haben. Robert Dämmig dazu: „Kesting und Kinder sind das Nachglühen der Moderne, während die Bilder in der Strandhalle schon Postmoderne sind und völlig andere Fragestellungen aufwerfen.“

Ein Zeitstrahl von 1892 bis heute, ein Transfer in die Gegenwart, der über Aktivitäten wie die von Gerlinde Creutzburg (60) im Künstlerhaus Lukas in die Zukunft funktioniert. „Autogene Wolken“ heißt die Schau, die ehemalige Stipendiaten umgesetzt haben. Creutzburg sagt: „Von 60 Künstlern, die wir jedes Jahr hier haben, kamen sechs, um für diese Ausstellung zu den Altvorderen zu arbeiten.“ Jochen Schneider (41) Zeichner aus Berlin, Tobias Falberg, (40) Schriftsteller aus Nürnberg, und Hans-Peter Stark (45), Maler aus Berlin, haben sich in grafischen Reduzierungen, Abstraktionen, Installationen und Wort-Bild-Kombinationen auch doppeldeutig mit dem Ort auseinandergesetzt. Das Bild „Grenzen verlaufen in uns hinein“ ist ein ironisch-provokativer Umgang mit dem zentralen Bild des alten Schifferfriedhofs von Paul Müller-Kaempff und knüpft allein farblich an die Götze-Skulpturen an. „Kunst muss irritieren, darf nicht nur dekorativ sein, muss zum Diskurs anregen“, sagt Falberg.

Heute könne man in Ahrenshoop herausgehen, habe sein Refugium und könne sich auf seine Kunst konzentrieren, erklären die Stipendiaten. Fluchtpunkt Ahrenshoop. Das Bild des Menschen – von 1892 bis heute.

Michael Meyer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Telefon-Forum
Viele Leserfragen gab es beim gestrigen OZ-Telefon-Forum zum Thema „Allergien – was tun?“

Fast jedes vierte Schulkind in MV ist Allergiker. Zum Thema gab es am Mittwoch OZ-Telefon-Forum viele Leserfragen.

mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.