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Das Comeback des Jahres

Leipzig Das Comeback des Jahres

Al Bano & Romina Power sind nach 17 Jahren Pause wieder auf Tour – Konzerte in Leipzig, Hannover, Hamburg

Leipzig. „Wenn Sie auch nur eine Frage zur verschwundenen Tochter stellen“, raunt der Pressebetreuer, derweil Romina Power und Albano Carrisi noch über den Frühstückstee diskutieren, „breche ich das Interview ab“.

Frau Power ist 64 Jahre alt, Herr Carrisi hat 74 Lenze gesehen, da müssten die beiden eigentlich in der Lage sein, zu klären, worüber sie reden wollen und worüber nicht. Aber hier, im Besprechungsraum „Johann Sebastian Bach“ im feinen Berliner Westin, soll es eben nicht um den Schlagschatten auf beider Leben gehen: das spurlose Verschwinden der damals 24-jährigen Tochter Ylenia in New Orleans am Silvesterabend 1994. Der tragische Verlust und der jeweils andere Umgang damit führten dazu, dass die Ehe zerbrach. 1999 ließen sie sich scheiden. Und auch ihr Schlager-Duo hörte auf zu existieren.

Nun sind sie wieder da. Ein russischer Oligarch brachte sie 2013 für ein Konzert in Moskau zusammen, es folgten Auftritte in der Arena von Verona, in Taormina, auf der Waldbühne in Berlin – nun touren sie: Al Bano & Romina Power, das einstige Traumpaar des Italo-Pop. Am 7. November führt ihre erste Tour seit über zwei Jahrzehnten nach Oberhausen. Es folgen Auftritte in Nürnberg und Leipzig (9. und 10.11.), später Hannover und Hamburg (11. und 12.11.).

Ob sie sich noch an den 20. Dezember 1996 erinnern? Ratlose Gesichter bei der auffallend bunt gewandeten Diva und unter der Krempe ihres Ex-Mannes, der den Borsalino nicht ablegt – wohl weil das wieder sehr schwarze Haar deutlich weiter hinten erst zu wallen beginnt. Hinten atmet der Aufpasser schwer: 1996 – eine Frage aus dem Herzen der schweren Zeit. Aber sie ist unverfänglich: Am 20.

Dezember 1996 hatten sie ihren für lange Zeit letzten gemeinsamen Auftritt – in Leipzig bei der José-Carreras-Gala.

Die Mienen hellen sich auf, Rominas Yorkshire Daisy wedelt vergnügt, der Aufpasser seufzt erleichtert. „Doch“, sagen Romina und Albano wie aus einem Mund, daran erinnern sie sich. „Es war“, fügt sie hinzu, „ein schönes Gefühl, auf der Bühne das Geschehene ausblenden zu können“. Und warum haben sie 17 Jahre gewartet bis zu ihrem nächsten gemeinsamen Auftritt? Albano: „Wissen Sie, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion befanden sich ein halbes Jahrhundert im Kalten Krieg, unser Kalter Krieg war deutlich kürzer.“ Romina schüttelt unter blonden Haaren den Kopf: „Ich musste mich erst einmal neu definieren, bin gereist, habe gemalt, geschrieben, Romane, Gedichte – von denen ich eines auch bei unseren Konzerten vorlese. Ich brauchte Abstand, mit einem Kalten Krieg hatte das nichts zu tun.“

„Ironia, cara, ironia“, sänftelt Albano: „Ironie, meine Liebe, das war Ironie.“ Nun lächeln beide sich offen an – bisweilen blitzt es also doch noch auf, das blinde Einverständnis eines alten Ehepaares, das so viel erlebt hat.

Der Kalte Krieg gibt der Tour aber doch den Rahmen vor: „Wir spielen“, sagt Romina, die in den Staaten geborene Tochter des Hollywood-Superstars Tyrone Power, die wieder in Kalifornien lebt, „mit den Klischees unserer Welten: In unserer Show diskutieren die USA musikalisch mit Italien.“ Wer da für welches Land eintritt, ist klar: Albano ist seiner apulischen Heimat treu geblieben, hat im italienischen Fernsehen als Moderator und Musiker nie aufgehört, im Rampenlicht zu stehen. Also sind für ihn die Tenor-Klischees reserviert, von „O sole mio“ bis „Mamma“. Romina ist folglich in den solistischen Teilen für die amerikanischen Momente zuständig. „Ich singe ,All You Need Is Love’“. Nun gut, ein britischer Song, aber der Botschaft ist kaum zu widersprechen. Albano tut es dennoch:

„Ich kontere mit ’Caruso’ – wir Italiener können ohne Musik nicht leben, geschweige denn lieben.“

Gemeinsam singen sie einige neue Lieder, nachzuhören auf der CD, die transatlantisch produziert wurde: Albano sang daheim im Studio, schickte die Bänder nach Los Angeles, wo Romina ihren Beitrag leistete. Sie können es noch: Albanos Tenor klingt metallisch, geschmeidig, hell wie vor 30 Jahren, Rominas Mezzo hat in der Tiefe an Volumen gewonnen, an Kraft, Ausdruck. Und doch kann kein Zweifel daran bestehen, warum die Menschen zu ihren Konzerten strömen: Sie wollen die alten Hits hören.

Ihr künstlerischer Erfolg liegt Jahrzehnte zurück. Denn auch vor der Trennung hatte ihr Stern zu sinken begonnen. Al Bano & Romina Power sind Gewächse der 80er. Ihr Superhit „Felicità“ hielt sich 1982 40 Wochen in den (bundes-)deutschen Top Ten, „Sempre, sempre“ 1986 noch 18. Danach schaffte es hier keine Single mehr unter die ersten zehn. Das nährt den Verdacht, dass zu den Comeback-Konzerten auch das Publikum allenfalls zurückkommt. „Aber das ist“, sagt Romina, „nicht so: Unsere Fans haben uns nicht vergessen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Aber jetzt kommen sie nicht alleine. Sie bringen ihre Kinder mit und ihre Enkel. Unsere Konzerte, das sind Familienfeste.“ Natürlich spielt bei diesen musikalischen Familienkonzerten die Nostalgie die erste Geige. Italien gegen Amerika, Solo-Nummern sowie neue Songs hin wie her: Im Zentrum stehen die alten Hits.

Wie fühlt sich das an, nach all dem, was sie miteinander erlebt haben und jeder für sich, wieder gemeinsam von „Felicità“ zu singen, vom Glück, „sich an der Hand zu halten, einen langen Weg zu gehen“, vom Glück, das ist wie „ein Federkissen, das Wasser des Flusses, der vorüberfließt“, vom Glück, „das Licht zu dimmen, um Frieden zu schließen?“

Albano antwortet sofort: „Das Leben ist beides: Glück und Tragödie. Es gibt keinen Tag, an dem das Schicksal uns nicht beide Seiten zeigt. Und die Musik lebt von beidem. Sie ist unsere Kraft-Fabrik.“

Da wiegt Romina wohlgefällig das schöne Haupt und wieder lächeln beide. Wer weiß – vielleicht finden sie auf der Bühne wieder ein kleines bisschen „felicità“.

Peter Korfmacher

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