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„Das Echo der Geschichte“

„Das Echo der Geschichte“

Mit ihrem dritten Spielfilm „Selma“ über Martin Luther King hat Ava DuVernay als erste schwarze Regisseurin Chancen auf einen „Oscar“ für den „Besten Film“.

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Ava DuVernay (im Bild) ließ sich von ihrer Tante Denise Sexton, einer Laienschauspielerin, für den Film begeistern. Mit ihrem ersten Spielfilm „I will follow you“ setzte sie ihr 2011 ein Denkmal.

Quelle: AFP, Studiocanal

Interview von Stefan Stosch

OSTSEE-ZEITUNG: Als Martin Luther King 1968 ermordet wurde, waren Sie noch gar nicht auf der Welt. Welche Rolle spielt der Bürgerrechtler in Ihrem Leben?

Ava DuVernay: Für eine Afroamerikanerin ist er allgegenwärtig. Meine Urgroßmutter hatte zwei Porträts an der Wand, eines von Jesus und eines von Martin Luther King: Beide hingen in der gleichen Höhe. Beide waren für sie gleich wichtig.

OZ: Wie kann es sein, dass „Selma“ der erste Spielfilm über Martin Luther King überhaupt ist?

DuVernay: Ich weiß es nicht. Nirgendwo auf der Welt ist in 50 Jahren so ein Film entstanden, und meine wichtigste Produktionsfirma Pathé ist britisch, nicht amerikanisch. Manche vor mir haben versucht, US-Studios dafür zu begeistern — ohne Erfolg.

OZ: Es geht in „Selma“ um die drei von King geführten Protestmärsche über die Edmund Pettus Brücke in Selma, nachdem am 17. Februar 1965 bei einer Bürgerrechtsdemonstration ein Schwarzer von der Polizei niedergeschossen worden war. Was wussten Sie davon?

DuVernay: In der Schule hörte man davon nur wenig, aber mir sind sie früh ein Begriff gewesen. Mein Vater stammt aus Hayneville, die Kleinstadt liegt zwischen Selma und Alabamas Hauptstadt Montgomery. Ich wusste schon als Kind, wie diese Gegend schmeckt und riecht. Und ich habe mich in meinem Studium ausgiebig mit der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung beschäftigt.

OZ: Pettus, Namensgeber der Brücke, war General im Bürgerkrieg, Senator und hochrangiges Mitglied im Ku-Klux-Klan. Ist es nicht seltsam, dass sein Name mit dem Kampf für Gleichberechtigung gleichgesetzt wird?

DuVernay: Man sollte die Brücke schleunigst umbenennen! Man könnte sie etwa nach Amelia Boynton benennen, die den Protest in Selma mitorganisiert hat. Boynton Bridge wäre gut, meinetwegen auch Freedom Bridge — aber kein Name, der für den Tod von Schwarzen steht.

OZ: Wünschen Sie sich, dass besonders junge Leute Ihren Film sehen?

DuVernay: Jeder soll ihn schauen: Zuschauer aller Hautfarben. Ältere werden das Echo der Geschichte spüren. Leute meines Alters, Mitte Vierzig, haben die Folgen des Protests erlebt. Ganz junge Leute haben die Geschehnisse etwa von Ferguson in Missouri vor Augen, wo Ende vorigen Jahres ein Schwarzer von der Polizei erschossen wurde. Sie protestieren, wehren sich mit dem Elan der Jugend. Und im Kino erfahren sie, dass sie in einem historischen Kontext stehen und nicht die ersten sind.

OZ: Haben Sie Angst um den Frieden in Amerika, wenn Sie von Vorfällen wie in Ferguson hören?

DuVernay: So etwas gab es immer. Wir sind damit aufgewachsen. Denken Sie nur an Rodney King, der Anfang der Neunziger Opfer von Polizeigewalt wurde. Aber jetzt ist die Aufmerksamkeit für solche Übergriffe größer, auch für die Leute, die ihre Stimme dagegen erheben. Beunruhigend wäre es, wenn kein Mensch davon Notiz nehmen würde. Aber wenn die Welt aufwacht, wirkt das belebend.

OZ: Spielt es eine Rolle für Ihren Film, dass ein schwarzer Präsident im Weißen Haus regiert?

DuVernay: Barack Obamas Präsidentschaft hat bei Filmemachern die Energie gestärkt, Kino rund um schwarze Hauptfiguren zu inszenieren. Aber Sie sehen ja auch, dass ein Obama keine Auswirkungen darauf hat, ob ein Schwarzer auf der Straße Angst vor einem weißen Polizisten haben muss.

OZ: Hat Obama den Film gesehen?

DuVernay: Oh ja, er hat uns eingeladen. Mein Team und mich, auch Oprah Winfrey, haben ihm „Selma“ im Weißen Haus gezeigt. Obamas Frau war dabei, die Töchter waren in der Schule.

OZ: Sie sind die erste schwarze Regisseurin, die den „Oscar“ für den Besten Film gewinnen könnte. Was bedeutet Ihnen die Vorreiterrolle?

DuVernay: Das ist toll, hat aber einen bittersüßen Geschmack. Ich möchte dem „Oscar“ gar nicht so viel Gewicht beimessen: Für mich ist es die Kirsche obendrauf. Wichtiger war es für mich als schwarze Frau, den Film überhaupt drehen zu können. Es heißt ja immer, dass sich schwarze Themen im Kino schlecht transportieren lassen. Das scheint nicht zu stimmen.

OZ: Und wie geht es Ihnen damit, dass Sie für Ihre Regiearbeit gar nicht erst für den „Oscar“ nominiert worden sind?

DuVernay: Da reden Sie jetzt von einer anderen Kirsche.

OZ: Könnte diese Nichtbeachtung etwa mit Rassismus in Hollywood zu tun haben?

DuVernay: Keine Ahnung, vielleicht mochte die Academy meinen Film nicht.

OZ: Glauben Sie das wirklich?

DuVernay: Na gut, in der „Oscar“-Academy ist ein bestimmter Personentyp stark vertreten. Die Academy repräsentiert nicht unbedingt die Wirklichkeit draußen. Über den „Oscar“

entscheiden in der Mehrheit ältere, weiße Männer.

OZ: Wenn „Selma“ den „Oscar“ gewinnen sollte, was würden Sie der Welt dann sagen?

DuVernay: Gar nichts. Denn wenn wir gewinnen, geht die Produzentin Oprah Winfrey auf die Bühne. Sie ist ja sehr gut im Reden. Und ich sitze im Publikum und klatsche.

Oscar-Fieber steigt
Am Sonntag werden in Los Angeles die begehrtesten Filmpreise der Welt verliehen, die Oscars. Moderator wird „How I Met Your Mother“-Star Neil Patrick Harris (41) sein.



In Deutschland zeigt ProSieben die Verleihung in der Oscar-Nacht (22./23. Februar) ab 00.40 Uhr live.



Als Favoriten gehen mit je neun Nominierungen „Birdman“ und „Grand Budapest Hotel“ ins Rennen. „The Imitation Game“ hat acht Gewinnchancen, „Boyhood“ und „American Sniper“ je sechs. Der Deutsche Wim Wenders (69) könnte in der Sparte „Beste Dokumentation“ gewinnen („Das Salz der Erde“).

 



OZ

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