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„Das Gute: Es könnte schlechter sein!“

Hamburg „Das Gute: Es könnte schlechter sein!“

„Trilliarden – Die Angst vor dem Verlorengehn“ am Schauspielhaus Hamburg vernebelt die Diskussion um Religion

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„Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehn“ von Ingrid Lausund. Auf der Bühne (v.l.) in Hamburg: Michael Weber, Bastian Reiber, Karoline Bär, Angelika Richter und Michael Wittenborn.

Quelle: Foto: Klaus Lefebvre

Hamburg. Eine Theatertruppe umkreist ein Thema. Sechs Schauspieler, dazu ein paar Figuren, die sich immer wieder als Chor Gehör verschaffen, treten aus dem Nebel, drehen ab und kommen wieder. Und das mehr als eine Stunde lang. Runden in dicker Luft. Auch ihr Thema schält sich erst allmählich aus dem Ungefähren. Waren sie anfangs nackt, bekommen sie in jeder Runde ihres Parcours Kleidung als Attribut ihrer Existenz verpasst, dazu Sätze, die sie als Zeitgenossen mit Leidensgeschichten identifizierbar machen. Man erkennt den Spießer an Strickjacke und Hütchen, den Esoteriker an weißem Hemd und weißer Hose, die Metropolenmutti an Petticoat und Kindersachen über dem Arm. Das Äußere bestimmt das Bewusstsein: „Jedenfalls bin ich eine Frau, das ist ein Anhaltspunkt“, erkennt die Dicke, die gern dünner wäre. Um zweifelnd beim Schöpfer anzufragen: „Könnte ich dazu noch etwas Selbstbewusstsein haben?“

Nach und nach erkennt der Zuschauer, dass es in Ingrid Lausunds Stück „Trilliarden – Die Angst vor dem Verlorengehn“ darum geht: um den Glauben an einen Schöpfergott, an ewiges Leben und religiöse Überzeugungen.

Lausund, die mit „Bandscheibenvorfall – Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“ die Bühnen eroberte, hat sich am Theater rar gemacht. Als Mizzi Meyer schrieb sie Drehbücher für die TV-Serie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel, der hier auch dabei ist – als Spießer mit Hütchen berichtet er, seine Depression mit Gottsuche bekämpft zu haben, aber mit Medikamenten besser bedient worden sei:

„Leben, das ist immer kämpfen. Das Gute: Es könnte schlechter sein.“

Die Metropolenmutti (Angelika Richter) verheddert sich in Erklärungen an ihre nicht anwesenden Kinder über Gott und die Welt, Sünde und Kreuzestod des Heilands. Die an ihrer Mutter leidende Dicke (Karoline Bär) verzweifelt am Vorwurf, ihr Leben zu vergeuden. Der Eso-Heini (Michael Wittenborn) weiß Trost: „Weinen hilft oft, jammern hilft nie, Geld hilft immer.“

Sechs Menschen suchen den Sinn des Lebens oder so etwas Ähnliches, dazwischen frömmelnde Gesänge, bis einer endlich in die andere Richtung marschiert und als Vertreter der Vernunft „diese manipulative Trostscheiße“ nicht mitmachen will. Was die anderen mit dem Befund kontern: „Ihm geht’s nicht gut.“ Eine Verbündete dieses Mannes, eine kleine, korpulente Frau (Juliane Korén) kommt zum Ende an die Rampe und räsoniert über die Angebote der Religionen das Jenseits betreffend. Um sich mit ihrer Schlussfrage von allem Hokuspokus zu befreien: „Kann man sich zu einem Gott bekennen, der eine Hölle nötig hat?“

Die Schauspieler legen die nötige Ironie in ihre Aufgabe, das rettet den Abend. Sie hatten bei der Uraufführung viele Lacher auf ihrer Seite. Doch eigentlich hat sich Ingrid Lausund, die Regie führte, einen zu einfachen Gegner zurechtgelegt bei ihrer Demaskierung religiöser Heilslehren – den Kinderglauben, wie er von mancher Kanzel gepredigt wird, der aber keiner immanenten, theologischen Überprüfung standhält. Dass die größte Katastrophe im Leben der Tod ist und deshalb seit Menschengedenken Jenseitsversprechen erfolgreich an Mann und Frau gebracht werden können, das hat man schon vor der Belehrung durch Ingrid Lausund geahnt. Michael Berger

OZ

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