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Nachrichten Kultur Das „Labor der Hausfrau“: Die Frankfurter Küche
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09:00 30.09.2018
Praktisch und Platz sparend sollte das “Labor der Hausfrau“ sein: Die 1926 entwickelte “Frankfurter Küche“ revolutionierte als erste serienmäßig angefertigte Einbauküche den Wohnungsbau. Quelle: Sothebys/dpa
Hannover

Die Frau mit dem Dutt und der langen Schürze sieht abgearbeitet aus. Jeder ihrer Handgriffe wirkt mühselig. Sie zieht Schranktüren auf, reckt sich nach Deckeldosen, hackt anschließend Kleinholz, holt Papier aus einer schwergängigen Tischschublade, schürt Feuer.

Es ist ein vom Deutschen Filminstitut archivierter Werbespot aus dem Jahr 1927 für die ein Jahr zuvor von der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfene Frankfurter Küche, die schließlich im zweiten Teil präsentiert wird – mit einer entspannten Frau als Protagonistin, die statt Schürze ein seidig schimmerndes Kleid und Bubikopf trägt.

Dieser neue Typ Frau hat sein Betätigungsfeld in den Zwanzigerjahren in Büros und Fabriken verlagert. Dennoch wird immer noch als selbstverständlich erachtet, dass die Frauen auch weiterhin fürs Kochen, Backen und Bügeln zuständig sind. So ist die Frankfurter Küche mit ihrem Prinzip der “Griff- und Schrittersparnis“ keineswegs ein innenarchitektonischer Meilenstein der Emanzipation. Der Haushalt sollte nicht etwa zur Nebensache geraten, sondern vielmehr optimiert werden – damit das Essen trotz Stechuhr auch weiterhin pünktlich auf den Tisch kam.

Die "Frankfurter Küche", aufgenommen am 23.11.2017 im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main (Hessen). Quelle: Fabian Sommer/dpa

Wie bei einem industriellen Arbeitsplatz wurden Handgriffe minimiert und die Ausstattung maximiert: “Bei Hausarbeit muss genau wie bei der Arbeit im Fabrik- oder Bürobetrieb größte Leistung bei geringem Kraftaufwand das Ziel sein“, lautet eine der Botschaften im Werbefilm. Um das zu gewährleisten, nahm sich Schütte-Lihotzky für ihre Planungen im Auftrag des Frankfurter Stadtbaurats Ernst May die Speisewagenküche der Eisenbahn zum Vorbild. Auf einer kleinen Aktionsfläche sollte so viel wie möglich in Reichweite und so wenig wie möglich im Weg sein.

So wurden Töpfe, Geschirr und Vorräte platzsparend übereinander in Schränken mit Schiebetüren angeordnet. Die unhandlichen Deckeldosen für Gewürze und Zutaten wichen ausziehbaren Aluminiumschütten. Keilförmige Holzgriffe ersetzten die Emailleknäufe an den Schubladen, sodass diese sich leichter aufziehen ließen. Herd – nunmehr eine Kombination aus Elektro und Kohle – und Spüle wurden zentral platziert. Tisch und Stühle gab es nicht mehr, allenfalls einen Drehhocker, der bei Nichtgebrauch unter die Arbeitsplatte geschoben werden konnte.

Patentrezept für praktisches Wohnen

Dieses klar strukturierte und auf reine Funktionalität ohne Zierrat ausgelegte “Labor der Hausfrau“ wurde mehr als zehntausendmal in den Frankfurter Siedlungen eingebaut, die eine breite Bevölkerungsschicht mit günstigen und zweckmäßig ausgestatteten Wohnungen versorgen sollten. Entsprechend einfach war das Material für die Küche: Grau-weiß oder auch blau-grün lackiertes Holz sowie Aluminium. Die standardisierten Module machten die kostensparende Serienfertigung möglich. Diese Küche sollte sich auch leisten können, wer einen schmalen Geldbeutel hatte. Einrichtungstechnisch war sie eine Art Patentrezept für praktisches Wohnen.

Im Berliner Museum der Dinge oder dem Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main kann man sie heute noch besichtigen. Was von ihr übrig geblieben ist? Julius Reimann, Innenarchitekt mit Büro in Hamburg, fallen da als Erstes “die Küchenzeile mit Schiebeelementen“ ein und der “Grundgedanke der optimierten Arbeitsabläufe“. Am ehesten ähnelten noch Gastronomieküchen dem Urtypus. “Privat aber kocht eigentlich niemand mehr in einem separaten Raum mit dem Blick zur Wand“, sagt Reimann.

Heute sei die Küche ein Vorzeigeobjekt. Als Wohn- oder auch Showküche, wie er es nennt, ist sie in den meisten Haushalten offen einsehbar: “Ein Ort für Events und Kommunikation, bei dem die Kochinsel mittlerweile Standard ist und eine Art modernes Lagerfeuer symbolisiert, um das sich Gäste und Familie versammeln.“

Von Haferflocken bis Erbsen: Schütten von einem Schrank der "Frankfurter Küche". Quelle: Fabian Sommer/dpa

Naturstein und edles Holz sowie Kupfer und Messing verleihen Küchen heute wohnlichen Charakter. Sie ist den Deutschen lieb und teuer: Der Umsatz der deutschen Küchenmöbelindustrie steigt seit Jahren. Zwischen 6000 und 10 000 Euro gibt der Durchschnittsdeutsche für eine Küche aus. Doch auch im Premiumsegment ab 20 000 Euro steigt die Nachfrage beständig.

Vom puristischen Kochbetrieb einer Margarete Schütte-Lihotzky ist das alles weit entfernt. Und doch gilt auch heute bei allem Prestige- und Eventcharakter, dass das Kochen keine mühselige Angelegenheit sein und das Essen pünktlich auf dem Tisch stehen soll. Die Wienerin hat den Grundstein gelegt, damit das gelingt.

Doch gerade sie, die Widerstandskämpferin gegen das Nazi-Regime und für ihre Verdienste um den sozialen Wohnungsbau ausgezeichnete Architektin, empfand die Frankfurter Küche als Fluch: Wenn sie gewusst hätte, dass im Zusammenhang mit ihrer Person “alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!“, wetterte sie in einem ihrer letzten Interviews. Margarete Schütte-Lihotzky, gestorben kurz vor ihrem 103. Geburtstag im Jahr 2000, wollte nicht auf die Küche als ihr Wirkungsfeld reduziert werden. Das hat sie mit vielen Frauen gemeinsam.

Von Kerstin Hergt

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