Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur „Das Leben ist ein Spiel“
Nachrichten Kultur „Das Leben ist ein Spiel“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 12.07.2016
Diebe unter sich: Piratenkäpt’n Thiento (Wolfgang Grossmann) und Vineta-König Purschalos (Reiko Rölz)

Piraten werden immer weniger, gut möglich, dass sie bald unter Artenschutz gestellt werden. So jedenfalls unkt man jetzt auf einer Open-Air-Bühne an der Ostsee.

Zur Galerie
Die neue „Vineta“-Show in Zinnowitz bietet Spaß und Spiel, Musik, Tanz und verstörende Momente

Nicht in Grevesmühlen oder Ralswiek, wo Seeräuber die Kasse klingeln lassen, nein, neuerdings raufen sie auch auf der sagenhaften Ostseebühne von Zinnowitz. Dort wollen Piraten die Stadt Vineta plündern, gehen jedoch den raffinierten Einwohnern in die Falle, verlieren ihr gesamtes Vermögen an sie und werden als Quasi-Leibeigene gezwungenermaßen noch zu Verbündeten der Vineter in einem heraufziehenden Krieg gegen einen mysteriösen Feind.

Und auch sonst gibt’s viel Neues bei der Jubiläumsausgabe des Freiluftspektakels in Zinnowitz, dessen Nummer 20 seit Sonnabend unter demTitel „Vineta. Die Stadt der Diebe“ läuft. Auch gute Nachrichten, denn der Zinnowitzer Bürgermeister Peter Usemann versprach Intendant Wolfgang Bordel und den 900 Gästen bei schönstem Premierenwetter zum Jubiläum, dass die nächsten zehn Vineta-Spektakel gesichert seien.

Zwanzig Mal „Vineta“, das sind 20 Uraufführungen, 20 fantastisch-heitere, musicalartige, zuweilen schräge Geschichten über Liebe und Macht, Intrigen und Kampf, Zwangsbündnisse und Zwangsehen, Krieg und Frieden. Stets aufgeschrieben und inszeniert von Intendant Wolfgang Bordel, aufgeführt von Schauspielern der Vorpommerschen Landesbühne Anklam, Schauspielstudenten der Theaterakademie Zinnowitz und Laienspielern aus der Region. Fürs aktuelle Spektakel lieferte der Rostocker Gitarrist und Komponist Wolfgang Schmiedt mit seinem Team (mit Susi Koch und Golo Schmiedt) neue gute Pop-Stücke, die nicht nur eingängig klingen, sondern darüber hinaus durch originelle Struktur Lebendigkeit vermitteln. Und zum ersten Mal choreografierte Katja Taranu, die Tanztheater-Chefin des Volkstheaters Rostock, in Zinnowitz, brachte eine flüssige Gesamtbewegung in die Tanzszenen (mit klassischen Figuren im Poptanz) und Schauspielpassagen.

In Wolfgang Bordels neuem Märchen scheint die Fantasie weniger überschäumend als in früheren Ausgaben. Neben Seeräubern und einer einzelnen aufmunternden Zeitläuferin Omniya (Anna Jamborsky), die als Chronistin durch das Universum reist bzw. als episches Theaterelement die Handlung hinterfragt, treten in diesem Stück statt der sonderbaren Fabelwesen früherer Folgen einfach die Menschen Vinetas auf und entfalten ein bestimmtes Gesellschaftsmodell. Dieses Vineta wird königlich regiert, aber die höfischen Machtkämpfe und -spielchen scheinen nur konstruiert, um darin Anspielungen auf unsere Zeit unterzubringen. Bordels Vineter leben diesmal, dem großen Menschheitstraum entsprechend, seit Langem im Frieden; doch in ihrer notorischen Gier mehren sie ihren Besitz durch Fallenstellerei gegen Piraten – und vor allem durch raffinierte Geldgeschäfte: das Glücksspiel. Zockerei als Staatsdoktrin führt nicht nur zu Reichtum (der, wie ein Lied hervorhebt, stets auf der Armut anderer beruht), sondern auch zu kuriosen Machtspielchen: Neben der Königin (Lisa Lasch), die den Geschlechterkrieg gegen die Männerwelt plant, und dem König (Reiko Rölz), der durch einen Krieg zum alleinigen Machthaber werden will, gibt es noch einen König der Diebe (Erwin Bröderbauer), der sogar Ratgeber des Königs wird.

Zudem vergiftet die Zocker-Grundhaltung alle anderen Lebensbereiche zu (Macht-)Spielchen: Mit gnadenloser Freundlichkeit werden Posen kultureller Überlegenheit des Spielens zum eigenen Vorteil (und dem Nachteil anderer) ausgestellt, der Zynismus tötet Träume und die Liebe. Aus dem Hohelied auf die Tat im „Vineta“-Spiel des vergangenen Jahres ist nun Irritation jedes Handelns geworden. Ironie und Sarkasmus klingen, wenn auch undeutlich, an: „Wir wollen alles. Wir können alles. Wir machen aber nichts“, singen die Vineter in einem Song; und im Schlusslied, zu dem das Publikum die am Eingang verteilten Wunderkerzen glitzern lässt, singt man ganz verstörend: „Gold ist alles was zählt. Aber lasst es ein Geheimnis bleiben ...“ Ein Happy End klingt anders.

20. „Vineta“-Stück auf der Ostseebühne Zinnowitz

Die Theaterspektakel über die sagenumwobene Stadt Vineta sind eine Erfindung der Vorpommerschen Landesbühne. Sie beziehen sich nur lose auf die alte Sage der Stadt Vineta, die einst wegen der Gier ihrer Bewohner unterging und alle hundert Jahre mit Hilfe eines Sonntagskindes auftauchen kann. Zinnowitz hat die Zyklen verkürzt: Jedes Jahr gibt es eine neue Show.

Das Buch „Vineta. Trugbilder“ von Martina Krüger erscheint im nächsten Monat: Buchpremiere am 5. August im Theaterzelt „Chapeau Rouge“ Heringsdorf.

Die Vineta-Spiele „Die Stadt der Diebe“ laufen bis zum 3. September, montags, mittwochs, donnerstags und sonnabends, jeweils 19.30 Uhr.

Dietrich Pätzold

Mit dem großartigen Festival „360°Klavier“ eröffneten die Festspiele neue Blickwinkel

12.07.2016

Uli Heusler und Rudi Lindemann erarbeiteten einen historischen Vortrag über Freest

12.07.2016

Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern luden am Sonnabend zur Open Air Gala mit Ben Becker in den Schlossgarten von Hasenwinkel

12.07.2016
Anzeige