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Das Theater muss sich durch Inhalte wichtig machen

Greifswald Das Theater muss sich durch Inhalte wichtig machen

Für Regisseur Reinhard Göber ist die Bühne Laboratorium sozialer Fantasie – am Beispiel „Leaving Ziller Valley“.

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Julia Rosa Stöckl spielt die Rolle der Elisabeth im Stück „Leaving Ziller Valley (DEA)“ in der Inszenierung von Reinhard Göber.

Greifswald. Goethes Faust-Fragment mit Gretchen als Muslima, quasi der Einbruch des migrierten Morgenlandes ins Allerheiligste der deutschen Leitkultur – das war in der Tat ein furioser Saisonstart für Reinhard Göber (57) als neuer Schauspielchef am Theater Vorpommern. Am Donnerstag stellt sich der Regisseur in der neuen Monodramen-Reihe des Theaters als Autor vor: Mit der deutschen Erstaufführung des Einakters „Leaving Ziller Valley“, in Kombination mit dem genial dazu passenden Gegenstück „Die 81 Minuten des Fräulein A.“ von Lothar Trolle.

OZ-Bild

Für Regisseur Reinhard Göber ist die Bühne Laboratorium sozialer Fantasie – am Beispiel „Leaving Ziller Valley“.

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„Leaving Ziller Valley“ (etwa Vom Verlassen des Zillertals) hat Göber vor einigen Jahren mit der Schauspielerin Julia Rosa Stöckl entwickelt – anlässlich des von ihm geleiteten Internationalen Monodramenfestivals DIVA in Österreich. Seither hat sie auf diversen Festivals gastiert, New York, Spanien, Argentinien, Estland, Argentinien, Uruguay und Indien. Nun also in Greifswald als erster deutscher Station, hier ist klar, dass man bei einer zurückgelassenen Heimat nicht an die Berge im Zillertal, sondern eher an eine vorpommersche Allee denkt (Foto oben).

Die Protagonistin des Stückes, Elisabeth, gelangt auf ihrer Suche nach Erfüllung ausgerechnet nach New York, die Heimat der Heimatlosen, wo sie auf neue Weise nach Lebenssinn und Heimatbindung fragt.

Nach dem sehr erfolgreichen Auftakt der Monodramen-Reihe am Theater Vorpommern mit „Der Hals der Giraffe“ und „Der Biedermann“ von Hannes Hametner ist Göber zuversichtlich für das Gesamtprojekt, das im Laufe der ersten Spielzeit zehn Monodramen jeweils im Doppelpack auf die Bühne bringt und zum Abschluss im Mai alle zehn Stücke in einem Theater-Marathon nonstop zeigt. Für Göber erweist sich das Genre als sehr gute Möglichkeit, die komplexer gewordene Aufgabe eines Stadttheaters heute zu erfüllen: „Die Frage ist doch, wie schaffen wir es, die sehr differenzierten Interessen eines differenzierten Publikums zu treffen?!“

Natürlich gehe es darum, dass viele Zuschauer ins Theater kommen, sagt Göber, hält aber wenig von den üblichen rein ökonomischen Diskussionen um Besucherzahlen, die am Ende eher auf ein mehrheitsorientiertes Mittelmaß auf der Bühne zielen könnten. „Theater muss sich auch zu einem geistigen Mittelpunkt einer Stadt oder einer Region machen“, fordert er, „es müsse ein Laboratorium sozialer Fantasie sein.“ Und genau dadurch, durch die Inhalte, „muss sich Theater wichtig machen.“

Mit Publikumsresonanz hatte der Regisseur, der 1987 als 27-Jähriger der jüngste Oberspielleiter der DDR wurde, noch nie Probleme. Zupackend inszenierte er Schiller und fuhr mit umgebautem Lkw als Bühne mit Turrinis „Wirtin“ durchs Land. Damals habe sich einiges an Power entwickelt. „Wir hatten 104000 Zuschauer, und der berühmte Christoph Schroth in Schwerin hatte 107000, weiß ich noch genau.“ Den wilden Anfängen folgten die deutsche Vereinigung und Neuorientierungen auch auf Bühnen. Göber inszenierte erfolgreich als freier Regisseur, war Schauspielchef in Lübeck, hatte Lehraufträge an Unis und Hochschulen und ist seit Sommer am Theater Vorpommern.

Wichtig sei ihm der co-fabulierende Zuschauer: dass die Leute nicht nur irgendeine Inszenierung übergestülpt bekommen, betont er, von so einem „Industrietheater“, wie er die zu Leblosigkeit erstarrten und nur manchmal perfekten Mechanismen eines orientierungslos gewordenen Kulturbetriebes nennt. „Wichtig ist, dass man einen Anspruch hat“, betont er. Und: „Kunst ist Energie. Wenn ich einen Abend sehe, und es kommt Energie herüber, dann kann man sich mit Inhalten auseinandersetzen, sich freuen oder darüber streiten. Aber ohne Energie ist es nichts.“

Dietrich Pätzold

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