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Kultur Das grandioseste Scheitern aller Zeiten
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00:00 12.07.2018
William Parton (rechts) – hier bei den Proben mit dem Ballett des Theater Vorpommerns – spielt die Rolle des Don Quijote. Quelle: Foto: Vincent Leifer
Stralsund

Mit gestreiftem Wams und knielangem Manchester-Beinkleid, spitzem Kinnbart und Zwirbelschnauz, Brille und dem typischen Barbierbecken als Helm auf dem Kopf, so sitzt der Tänzer William Parton auf einem Bücherstapel. Ein in die Jahre gekommener Büchernarr, der in die Abenteuerromane des Ritters „Don Quijote“ abtaucht und sich schließlich selbst, ob im Traum oder real, das weiß man nicht genau, auf Abenteuersuche begibt und in all seinem Tun grandios scheiternd durch die Zeiten torkelt. Auf der Bühne des Greifswalder Theaters laufen die Endproben mit dem amerikanischen Tänzer und Schauspieler, der aus Hamburg als Gast am Haus ist und dem Ensemble des Ballett Vorpommern. Morgen ist die Premiere. Und in jeder Hinsicht eine Uraufführung.

Die Geschichte um „Don Quijote“ war bisher nicht nur im Bücherregal ein ziemlich adipöser Klassiker, sondern auch als abendfüllendes Ballett. 1869 wurde es uraufgeführt im Bolschoi-Theater. Seitdem läuft es die Spielpläne rauf und runter. Mit spanischen Charakterposen, Flamencotänzern, klappernden Castagnetten, Toreros und Tutu´s und Windmühlen. Dabei taucht Don Quijote in der ganzen Handlung gerade mal als Nebenfigur auf.

Zeit also, längst überfällig, für etwas ganz Neues. Fand auch Choreograf Ralf Dörnen und krönt mit seiner Version von „Die Träume des sinnreichen Junkers Don Quijote de la Mancha – Ritter von trauriger Gestalt“ seine 20 Jahre als Ballettdirektor am Theater Vorpommern. Und das hat nicht zufällig auch mit der berühmtesten Episode in dem Werk zu tun: Don Quijote, der mit ganzem Einsatz gegen Windmühlen kämpfende Ritter. Ein Vergleich, der sich nach dem jahrelangen Kampf gegen die Mühlen der Kulturpolitik aufdrängt. Bezaubert aber war Ralf Dörnen auch noch von einer ganz anderen Eigenschaft dieses Don Quijote. „Für mich ist es die Geschichte eines Mannes, der einfach nur versucht, die Welt zu verbessern. Und dabei unablässig scheitert. Wieder aufsteht und weitermacht. Und wieder scheitert. Und trotzdem weitermacht, auch wenn alle ihn auslachen.“ Mit seiner Sicht auf den Stoff hat er eine völlig neue Interpretation dieser Figur geschaffen. „Eine Würdigung aller Don Quijotes unserer Zeit. Menschen, die gegen alle Widerstände für eine bessere Welt kämpfen“, sagt Dörnen mit leuchtenden Augen.

Der Musikwissenschaftler Stefan Ulrich (Berlin) hat für den Abend ein völlig neues Ballett-Libretto geschrieben, in dem Don Quijote so vertreten ist, dass William Parton als Hauptfigur nur in der Pause mal kurz von der Bühne kommt. Es verschlägt ihn in das Venedig des Jahres 1740, eine Gesellschaft, die den damals gerade erschienenen Cervantes- Roman geradezu verschlungen hat. Er landet im Pariser Moulin Rouge des Jahres 1890, der übrigens einzigen Windmühle, die auf dieser Bühne zu sehen sein wird. Seine Abenteuer führen ihn nach New York in die weite Zukunft. Und zurück ins Mittelalter. Und so wie sich diese Episode als Fake, nämlich als Kölner Karnevals-Verein, herausstellt, ist in diesem Ballett alles so vielschichtig, so voller Bedeutungsebenen und Metaebenen, dass man genau hinsehen sollte. Ein klassischer, plätschernder Ballettabend ist es nicht. Sagt auch der Bühnen- und Kostümbildner Klaus Hellenstein, der den Don Quijote bildlich ungeheuer einfallsreich in diese vier Welten versetzt. Und die Ebenen finden sich auch in der Musik wieder. Auch die ist ganz neu komponiert. Von dem Karlsruher Komponisten Stephan Marc Schneider. „Ein wichtiger Aspekt in dem Roman ist die Illusion. Es ist ein Buch über Bücher, eine Parodie auf Ritterromane, ich habe Musik über Musik geschrieben“, sagt Schneider. Barock und Renaissance klingen an, aber auch elektronische Samples und ganz experimentelle Passagen. Das Ballett und auch das Orchester Vorpommern sind also gemeinsam in den Endproben für die Aufführung dieses Werkes am Freitagabend. Ein völlig entstaubter Don Quijote als Held unserer Zeit. Eine weltbewegende und sicher auch weltverbessernde Uraufführung.

Zwölf Mal Ritter von der traurigen Gestalt

Der Don Quijote wird insgesamt zwölf Mal am Theater Vorpommern aufgeführt:

13. Juli, 19.30 Uhr, Großes Haus Greifswald

21. Juli 19.30 Uhr, Großes Haus Stralsund

14. September, 19.30 Uhr Greifswald

16. September, 16 Uhr, Großes Haus Stralsund

5. Oktober, 19.30 Uhr Großes Haus Stralsund

7. Oktober 18 Uhr, Großes Haus Greifswald

18. Oktober 19.30 Uhr, Großes Haus Greifswald

25. November 18 Uhr Großes Haus Stralsund

30. November, 19.30 Uhr Großes Haus, Greifswald

11. Januar 2019 um 19.30 Uhr Großes Haus Stralsund

18. Januar 2019, 19.30 Uhr in Greifswald

25. Januar 2019 um 19.30 Uhr Großes Haus Greifswald

Juliane Voigt

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