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00:00 19.01.2015
Zwischen Liebe und Pogrom: Stefan (Jonas Nay) und Jennie (Saskia Rosendahl) in Burhan Qurbanis Spielfilm „Wir sind jung. Wir sind stark“. Quelle: UFA Fiction
Rostock

Ein paarmal habe er Gänsehaut gekriegt, sagt Thinh Nguyen Do: „Weil der Film so nahe an der Realität von damals ist. Es gab Momente, da habe ich wieder genau diese Ängste empfunden — wie vor über 20 Jahren.“ Herr Thinh (52), aus Vietnam stammender Rostocker, hat mit anderen Zeitzeugen in der OZ-Redaktion den Spielfilm „Wir sind jung. Wir sind stark“ über die gewaltsamen Ausschreitungen vor dem Ausländerwohnheim Rostock-Lichtenhagen vom August 1992 gesehen. Der heute 52-Jährige gehörte damals zu jenen Vietnamesen, die in der Nacht des 24. August vor dem eingedrungenen brandschatzenden Mob übers Dach des Sonnenblumenhauses zum benachbarten Aufgang fliehen mussten.

Viele Sätze von damals habe er im Film wieder gehört, sagt Thinh, auch seine eigenen Worte. Nur eines stimme nicht: „Auf die Idee, unsere Sachen zu packen, für den Fall, dass etwas passiert, kamen wir nicht. Wir glaubten nicht, dass uns die Polizei allein lässt. Und alle, die einen anderen Zufluchtsort fanden, waren längst weg. Wir, die noch dort waren, hatten keine Wahl. Wohin sollten wir gehen?“

Der Film, der seit seiner Weltpremiere beim Rom Film Festival am 16. Oktober 2014 auf diversen Festivals (Hof, Hannover) große Beachtung fand, kommt Donnerstag in die deutschen Kinos. Zuvor feiert er heute Abend mit Regisseur Burhan Qurbani und mehreren Hauptdarstellern im Rostocker Lichtspieltheater Wundervoll (li.wu.) seine Publikumspremiere.

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster“, zitiert Regisseur Burhan Qurbani (34) den italienischen Philosophen Antonio Gramsci. Doch in Qurbanis Film erhalten die „Monster“ ein erschütternd menschliches Gesicht. Die wenigsten sind überzeugte Nazis, eher orientierungslose Jugendliche. Sie finden keinen Halt im Macht- und Wertevakuum der Nachwendezeit, im Klima von Vertrauensverlust und der Haltungslosigkeit örtlicher Politik, die sich mit parteipolitischem Geplänkel selbst handlungsunfähig macht.

Im Film schwanken die Monster-Kinder zwischen Verlust und Suche nach einer Heimat, die sie nirgends finden, und driften, teils wie besinnungslos, ab in brutale Gewalt. Eine Gewalt, die sie auch untereinander ausüben, vor allem aber gegen Ausländer richten.

Damit relativiert der Film nicht die persönliche Schuld der Täter, aber er kommt ihnen auf beklemmende Weise nahe. Wie eine Dokumentation hält er sich — überwiegend in Schwarz-Weiß gehalten — äußerlich streng an die Chronologie der Eskalation jenes 24. August 1992. Doch anders als ein Dokumentarfilm spitzt er in den Episoden einiger fiktiver Jugendlicher die komplexen Widersprüche zu.

Sie wirken unberechenbar, schwanken zwischen Sprüchen wie „Stasi raus!“, „Sieg heil“ und „Alles Idioten“, wechseln zwischen dem Nazi-Song „Deutschland stirbt aus“ und der Internationale: „Völker hört die Signale“. Die Geschichten der deutschen Hauptfiguren Stefan (Jonas Nay) und Jennie (Saskia Rosendahl), Robbie (Joel Basman) und Goldhahn (Paul Gäbler) spielen in Hoffnungslosigkeit zwischen Frust und Verzweiflung, zwischen Orgasmus und Molotow-Cocktail, Selbstmord und „Heil-Hitler“-Gebrüll.

Thinh Nguyen Do überrascht das nicht. „Ich habe damals viele Bekannte unter den Steinewerfern gesehen“, sagt er. Unter ihnen die Brüder der deutschen Freundin eines Vietnamesen. „Ich fragte sie danach: ‘Warum habt ihr Steine geschmissen?‘ Sie antworteten: ‘Wir hatten nichts gegen euch. Wir wollten nur, dass die Zigeuner, die Asylbewerber, weg sind‘“, erinnert sich Thinh und schüttelt den Kopf: „Ich habe das nicht verstanden. Bis heute noch nicht.“

Präzise entwickelt der Film das Geschehen in drei Handlungssträngen: die Entscheidungsangst örtlicher SPD-Politiker, die wachsende Angst und schließliche Flucht der Vietnamesen. Doch im Mittelpunkt stehen die Täter.

„Diese Täterperspektive war für mich besonders beeindruckend, die kannte man gar nicht“, sagt Peter Magdanz (54), damals für die SPD Rostocker Innensenator und heute City-Manager der Hansestadt.

„Über diese Täter muss man nachdenken, das haben wir wahrscheinlich viel zu wenig gemacht.“ Es gab eine strafrechtliche Aufarbeitung, es gab Untersuchungsausschüsse. „Aber die wirkliche politische Aufarbeitung, zu suchen, woher kommt so was . . . Wenn man sich die aktuelle Situation anschaut, die Pegida-Demonstrationen und den Umgang mit ihnen, dann muss man sagen: Es ist längst nicht alles aufgearbeitet.“

Auch für Wolfgang Richter (59), der 1992 als Ausländerbeauftragter in Rostock mit den Vietnamesen übers Hochhausdach floh und jetzt die vierjährigen Arbeiten am Film intensiv begleitete, ist die neue Aktualität des Films erschreckend: „Daran hat vor vier Jahren niemand gedacht.“ Deshalb betont er bei aller Differenzierung: „Die Situation in Lichtenhagen war damals unzumutbar für alle: für die deutschen Anwohner, die Vietnamesen und für die Asylbewerber. Da kann man Zorn und Frust verstehen. Aber es gibt eine Grenze: Wenn das Haus in Brand gesetzt wird und darin Menschen ums Leben kommen könnten — dafür kann man keine Politik verantwortlich machen: Dafür ist jeder Einzelne verantwortlich.“

Brandort Lichtenhagen
Seit den 1980er Jahren, zunehmend populistisch seit der Wiedervereinigung 1990, wurde in Deutschland eine Debatte um die Einschränkung des Asylrechts nach Artikel 16 des Grundgesetzes geführt. Die SPD, damals Opposition im Bundestag, stand lange gegen diese Änderung. Begleitet wurde die Debatte von einer Welle rassistischer Gewalt gegen Ausländer.


Ende 1990: Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst), eine Landeseinrichtung, wird mitten im dicht besiedelten Rostocker Stadtteil Lichtenhagen im Sonnenblumenhaus eingerichtet.
Seit April 1991 ist die ZAst überbelegt; doch im Kompetenzgerangel zwischen CDU-geführter Landesregierung und SPD-geführter Stadtverwaltung ändert sich an der für alle Betroffenen unerträglichen Situation nichts. Im Sommer 1992 campieren Hunderte Ausländer, Sinti und Roma, auf der Wiese vor der ZAst. Im August eskalieren Proteste gegen Ausländer.



24. August 1992: Morgens wird die ZAst geräumt. Viele der seit langem im Nachbaraufgang des Hauses lebenden 120 Vietnamesen bleiben. Sie müssen am Abend über das Dach des Hauses fliehen, weil Steine, dann Molotow-Cocktails gegen ihre Wohnungen fliegen. Unter dem Applaus von bis zu 3000 Zuschauern dringt der Mob ins Haus ein, randaliert, legt Feuer. In diesen entscheidenden Stunden hat sich die Polizei zurückgezogen, was bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist. Die Fernsehbilder gehen um die ganze Welt. Zum Glück gibt es keine Toten.



Am 6. Dezember 1992 stimmt die SPD dem Asylkompromiss zu, am
26. Mai 1993 wird er im Bundestag beschlossen. Zahlreiche SPD-Mitglieder verlassen darauf ihre Partei.



Dietrich Pätzold

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