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00:04 16.05.2018
Lübeck

Beinahe hätte es die Frankfurter Schule vielleicht gar nicht gegeben. 1928 war das, als man Ernst Cassirer an die Frankfurter Universität holen wollte und ihm anbot, auch „die gesamte philosophische Abteilung neu zu gestalten“. Aber Cassirer blieb in Hamburg und der Weg für die Kritische Theorie frei.

Martin Heidegger (1889-1976) Quelle: Foto: Akg-Images
Ernst Cassirer (1874-1945) Quelle: Foto: Ullstein-Bild
Walter Benjamin (1892-1940) Quelle: Foto: Keystone
Ludwig Wittgenstein (1889-1951) Quelle: Foto: Ben Richards/dpa

Ernst Cassirer ist einer von vier Philosophen, die Wolfram Eilenberger in einem großartigen Buch versammelt hat. Martin Heidegger, Walter Benjamin und Ludwig Wittgenstein sind die anderen. Vier Denker, alle etwa gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren und ungefähr zur Mitte des vergangenen gestorben. Eilenberger beleuchtet sie und ihre Arbeit während der ersten zehn Jahre der Weimarer Republik, in denen sie wesentlich zu denen wurden, die sie waren.

Heidegger etwa trat 1929 die Nachfolge Edmund Husserls an der Universität Freiburg an und hatte zwei Jahre zuvor „Sein und Zeit“ veröffentlicht, sein dunkles Hauptwerk. Walter Benjamin hatte sich zu einer festen intellektuellen Größe empor geschrieben. Wittgenstein hatte mit dem „Tractatus logico-philosophicus“ eines der bis heute rätselhaftesten philosophischen Werke vorgelegt und war im Begriff, an die Universität Cambridge zurückzukehren. Cassirer, etwa zwanzig Jahre älter als seine drei Kollegen, wurde 1929 zum Rektor der Universität Hamburg gewählt und erlebte schon bei seiner Antrittsrede Störungen nationalistischer Burschenschaften. Kurz nach dem Machtantritt der Nazis floh er aus Deutschland und kehrte nie wieder zurück, während das NSDAP-Mitglied Heidegger die neuen Herren feierte.

Eilenberger betrachtet die Zeit von 1919 bis 1929 als das „große Jahrzehnt der Philosophie“. Es hat auch andere bemerkenswerte Phasen gegeben, und der Kreis wäre sicher um den ein oder anderen Namen zu erweitern gewesen. Aber wie der Autor dem Leser seine vier Hauptdarsteller nahebringt, ist bemerkenswert.

Er schwenkt von der Biografie immer wieder zurück ins Werk und vom Werk in die Biografie. Er begleitet die Vier durch diese Jahre und versucht, die schwierige Materie allgemeinverständlich aufzubereiten. Das gelingt nicht immer, das Buch ist nicht voraussetzungslos. Aber Wittgenstein hatte schon bei seiner Doktorprüfung über den „Tractatus“ gesagt: „Macht euch nichts draus, ich weiß, ihr werdet das nie verstehen.“ Und da hatten ihm als Prüfer Bertrand Russell und George Edward Moore gegenübergesessen, zwei überragende Denker ihrer Zeit.

Überhaupt war Wittgenstein auch im wahren Leben kein einfacher Mensch. Der Sohn einer der reichsten Familien Europas überschrieb sein Erbe seinen Geschwistern, nach heutigem Wert mehrere hundert Millionen Euro, und wurde Volksschullehrer in der österreichischen Provinz. Mit seinem „Tractatus“ habe er alles gesagt, erklärte er. Im Übrigen auch für die gesamte Philosophie. Er galt als aufbrausend und jähzornig, aber das war kaum zu trennen von der Schärfe seines Denkens. Der Ökonom John Maynard Keynes schrieb nach einer Begegnung bei Wittgensteins Rückkehr nach England: „Gott ist angekommen. Ich traf ihn im Fünf-Uhr-Fünfzehn-Zug.“

Der am Abgrund philosophierende Heidegger sah sich als den Ersten, der zweieinhalb Jahrtausende nach Aristoteles die richtigen Fragen stellte. Dass einer seiner beiden Söhne nicht von ihm war, begriff er auch als philosophische Herausforderung. Dafür hatte er selbst ein Verhältnis mit seiner Schülerin Hannah Arendt, die ihm nach Kriegsende „Charakterlosigkeit“ bescheinigte „in dem Sinne, daß er buchstäblich keinen hat“. Was sie freilich nicht davon abhielt, später wieder seine Nähe zu suchen.

Walter Benjamin arbeitete sich durch die Geistesgeschichte und mochte sich dabei nicht an die gängigen Wegweiser halten. Er reiste lieber nach eigenen Karten und stieß dabei auf faszinierende Dinge.

Im wahren Leben machte er es ähnlich, verlief sich dabei aber immer wieder. Geldsorgen, Liebessorgen, Habilitationssorgen – Benjamin habe ein sicheres Gespür dafür gehabt, „genau zur falschen Zeit die falschen Entscheidungen zu treffen“, schreibt Eilenberger.

Da nimmt sich Cassirer mit seinem Haus in Hamburg-Winterhude und der morgendlichen Lektüre des Sportteils in der Zeitung geradezu langweilig aus. Sein einzig wirklich radikaler Zug sei „sein Wille zur Ausgeglichenheit“ gewesen, so Eilenberger.

Begegnet sind die vier Denker sich kaum. Cassirer und Heidegger kamen 1929 in Davos zu einer legendären öffentlichen Disputation zusammen, Benjamin war Heidegger in tiefer Abneigung verbunden und Wittgenstein außer Reichweite. Geeint aber hat sie die philosophische Überzeugung, dass die menschliche Lebensform „eine des Sprechens“ ist. Und ihre große Bedeutung bis heute.

Wolfram Eilenberger,   „Zeit der Zauberer“, Klett-Cotta, 431 S., 25 Euro

Peter Intelmann

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