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Kultur „Das war heute echt schlimm“: Seelsorge für Flüchtlingsretter
Nachrichten Kultur „Das war heute echt schlimm“: Seelsorge für Flüchtlingsretter
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00:00 28.05.2016

Mit welchen Problemen wenden sich die Soldaten an Sie?

Marcus Christ: Meist geht es um klassische Themen: Partnerschaft, Geld, Suchtprobleme. Oft geht es um Versetzungen, das hängt auch mit dem Privaten zusammen, etwa die Angst, dass einen die Freundin verlässt, wenn man umzieht. Viele Soldaten stehen unter dem Druck, die Rush Hour des Lebens nicht zu meistern, also die Jahre, in denen man eine Ausbildung macht, den Berufseinstieg schafft, eine Familie gründet und ein Haus baut. Für Marinesoldaten, die viel in der Welt unterwegs sind, ist das alles noch schwieriger unter einen Hut zu bekommen. Wir Seelsorger helfen bei der Positionsbestimmung, welche Ziele wirklich wichtig sind und welche Alternativen es gibt.

Und der Dienst in der Marine spielt keine Rolle?

Christ: Wenn ein Lebensthema einen Soldaten so stark beschäftigt, dass seine Arbeit darunter leidet, wird es dienstrelevant. Sinn und Zweck eines Einsatzes sind selten ein Thema. Die Soldaten sprechen untereinander darüber offener.

Der Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer ist aber sicher belastend?

Christ: Zu Beginn des Einsatzes war die Zufriedenheit sehr hoch. Endlich konnte man in der Marine etwas tun mit einem unmittelbaren Ergebnis und in die dankbaren Gesichter der Geretteten blicken. Irgendwann drehte sich das: Die Soldaten sehen sich aus Deutschland mit dem Vorwurf konfrontiert: ,Ihr bringt uns das Problem doch erst hier her.’ Wenn ein Soldat bis zur Erschöpfung arbeitet, um Flüchtlinge zu retten, breitet sich bei so einer Reaktion Frust aus.

Wie fangen Sie das dann auf?

Christ: Am Ende der Schicht, wenn die Soldaten ihren Schutzanzug ausziehen, bietet sich der Pfarrer als Gesprächspartner an. Es kann eine große Hilfe sein, wenn ich jemandem sagen kann: ,Das war heute echt schlimm.’ Wenn man Menschen hört, die um ihr Leben schreien oder halbtote Kinder aus dem Wasser zieht, das ist massiv belastend – auch für Pfarrer.

Wie sieht sonst der Alltag der Seelsorger aus?

Christ: Pro Einsatzkontingent gibt es einen Seelsorger. Der Pfarrer für den Unifil-Einsatz im östlichen Mittelmeer sitzt in Limassol auf Zypern. Wir fahren auch auf den Schiffen mit. Drei bis vier Soldaten bitten im Schnitt pro Woche um ein Gespräch. Der größere Anteil der Seelsorge passiert aber beiläufig, zwischen Tür und Angel. Sich auf einem Schiff hinter geschlossene Türen zurückzuziehen ist auch gar nicht so einfach.

Was bieten Sie den Soldaten noch?

Christ: Es gibt auch Gottesdienste. Auf Schiffen finden sie meist in der Messe, im Hangar oder auf dem Hubschrauberlandedeck statt. Meist kommen 10 bis 20 Teilnehmer, bei Gedenken an Gefallene sind es deutlich mehr.

Was bieten Sie den Soldaten, die mit Gott wenig anfangen können?

Christ: Unser Angebot wird von allen angenommen, auch von den Soldaten, die mit der Kirche nichts zu tun haben. Aber wir haben ein weiteres Standbein: den lebenskundlichen Unterricht. Dabei geht es um Fragen der Ethik und das Konzept des Staatsbürgers in Uniform.

Ist das nicht sehr theoretisch?

Christ: Es geht um konkrete Fragen: Wann darf ich schießen? Dabei betrachten wir besonders Dilemma-Situationen, in denen man immer verliert. Ein Beispiel: Soldaten sehen in Afghanistan, wie eine Frau von einer bewaffneten Menge gesteinigt wird. Wenn ich nichts tue, mache ich mich schuldig am Tod der Frau. Wenn ich die Schusswaffe einsetze, mache ich mich auch schuldig. Die Frage ist, ob der Einsatz von Gewalt legitim ist, um größeres Unrecht zu verhindern. Ein anderes Beispiel ist der Luftangriff auf die entführten Tanklaster in Kundus, bei dem 2009 mehr als 100 Zivilisten ums Leben kamen: Die Tatsache, dass es viele Opfer gab, muss nicht heißen, dass die Entscheidung an sich falsch war. Hier helfen wir, das Gewissen zu schärfen, damit Soldaten ethische Fragen abwägen und nicht bedingungslos jeden Befehl befolgen.

Interview von Axel Büssem

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