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Datenkrake unter Mordverdacht

Tatort-Blitzkritik: „HAL“ (Stuttgart) Datenkrake unter Mordverdacht

Der neue Fall von Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) ist ein Ausflug ins Genre Science-Fiction.

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Das Gesichtserkennungsprogramm von Bluesky liefert in Windeseile Daten zu allen Besuchern, auch zu Ermittler Sebastian Bootz (Felix Klare).

Quelle: SWR/dpa

Stuttgart. Ein Computerprogramm übernimmt die Macht: Der Stuttgarter „Tatort" wagt sich ins Science-Fiction-Genre und entwickelt eine düstere Vision, in der sich eine selbstlernende Software über ihre Schöpfer erhebt und sogar einen Mordverdächtigen ans Messer liefert. Das Experiment ist einigermaßen geglückt, „HAL“ ist ein fesselnder Film. Am Ende bleibt die Logik allerdings auf der Strecke.

Das Dilemma von Programmierer David Bogmann (Ken Duken) erinnert an die missliche Lage von Goethes Zauberlehrling. Seine Schöpfung namens „Bluesky“ saugt sich derart mit Daten voll und wird derart intelligent, dass sie sich immun gegen Eingriffe von außen macht – selbst gegen die verzweifelten Versuche ihres Entwicklers, das außer Kontrolle geratene System zu stoppen. Ein schöner Kontrast ist, wie sich Bogmann mit analogen Mitteln gegen die digitale Krake zur Wehr setzt: Er klebt alle Webcams zu und entwirft den Plan zum Gegenangriff per Filzstift am guten alten Flipchart. Aber die Geister, die er rief, leiten längst sein Ende in die Wege.

In kühlen Bildern wird der „Tatort“ serviert, viele Szenen sieht der Zuschauer aus der Perspektive des Computerprogramms: Betritt einer der Kommissare das Firmengebäude, liefert eine Scan-Sequenz sogleich Daten wie Dienstgrad oder Familiensituation. Das ist eine gelungene Abwechslung zur üblichen Krimi-Bildsprache. Regisseur und Autor Niki Stein tut gut daran, die privaten Nicklichkeiten zwischen Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) auf ein Minimum zu beschränken, um seinen Film nicht zu überfrachten. Das vielschichtige Verhältnis zwischen Bogmann und seiner Chefin (Karoline Eichhorn) wird gut in Szene gesetzt. Raffiniert ist auch die Sandwich-Konstellation: Auftraggeber von „Bluesky“ ist ausgerechnet das LKA, dass sich davon Prognosen über künftige Verbrechen erhofft – und den Ermittlern Steine in den Weg legt.

Am Ende wird das Ganze aber zu spooky: Als das SEK dem durchdrehenden Bogmann auf die Pelle rückt, erfindet „Bluesky“ eine weitere Person im Datenraum, was die Beamten zum schnellen und tödlichen Zugriff verleitet. Auf Anfrage liefert das Programm sogar den wirklichen Mörder ans Messer – über heimlich abgesaugte Videodaten einer Handykamera.

Hat jemand den Titel verstanden? „HAL“ ist eine kleine Hommage an Regie-Legende Stanley Kubrick, der in „2001: Odyssee im Weltraum“ einen Computer HAL nannte, verbreitet das Erste. Aha. Eine Spielerei für Cineasten. Die eingeblendeten Kapitelüberschriften („Vor dem Gesetz“, „Die Verwandlung“, „Der Prozess“) zitieren wiederum Buchtitel von Franz Kafka. Naja, wenn es ihm Spaß macht, dem Regisseur... Immerhin liefert er einen spannenden Science-Fiction-Krimi.

Lars Fetköter

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