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Der Fall Kirsch – übel verleumdet, spät rehabilitiert

Leipzig Der Fall Kirsch – übel verleumdet, spät rehabilitiert

Der Hallesche Uni-Professor Wolfgang Kirsch wurde 1992 nach Stasi-Vorwürfen trotz Protesten entlassen

Leipzig. Der 16. Oktober 1992 soll der schwerste Tag im Leben von Wolfgang Kirsch werden. An jenem Freitag bereitet sich der Altphilologe an seinem Pult in der Martin-Luther-Universität Halle auf die nächste Vorlesung vor. Das Wintersemester hat gerade begonnen. Der Latein-Spezialist ist guter Dinge: Er hat in der DDR für den zumindest rudimentären Erhalt der Lehre von alten Sprachen gekämpft und seit der Wende an neuen Unterrichtsplänen mitgearbeitet. Deshalb lobt Sachsen-Anhalts Bildungsminister Werner Sobetzko (CDU) den Professor Mitte 1991 in einem Dankesschreiben: „Sie haben entscheidenden Anteil an der Verwirklichung des in der deutschen Schulgeschichte einmaligen Vorhabens, innerhalb eines Jahres Konzepte und Richtlinien für ein demokratisch-humanistisches Schulwesen entwickelt zu haben.“

Das alles zählt an jenem 16. Oktober 1992 nicht mehr. Wolfgang Kirsch wird von einer Minute auf die andere abberufen, muss in Windeseile sein Büro räumen, gilt fortan als Persona non grata in seinem Institut, das er bis dahin geleitet hat. Studenten demonstrieren, prominente West-Kollegen setzen sich für ihn ein. Doch alles hilft nichts. Wolfgang Kirsch, damals 53 Jahre, verliert seine Stelle.

Und nicht nur das: Er erholt sich nie wieder von diesem Schlag, zerbricht, zieht sich zurück, nimmt die Enttäuschung Ende 2010 mit ins Grab.

Heute stellt sich heraus: „Wolfgang Kirsch ist das Opfer einer Verleumdungskampagne“, sagt Joachim Jahns. Der Autor und Verleger aus Leipzig hat für sein Buch „Die Kirschs oder Die Sicht der Dinge“

fast sechs Jahre recherchiert. In dem Werk geht es, wie der Name schon sagt, nicht nur um Wolfgang Kirsch, sondern um die Geschichte von drei Generationen der Familie. Zu dieser gehört unter anderem Rainer Kirsch, 1990 der letzte Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes: Bruder des Professors und früherer Ehemann von Sarah Kirsch, einer der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen. Im Mittelpunkt stehen existenzielle Zuspitzungen und Brüche, Parteiausschlüsse und Berufsverbote.

Den Anfang machte Gertraude Clemenz-Kirsch, die das Privatarchiv von Wolfgang Kirsch öffnete. Joachim Jahns, der für seine Akribie bekannt ist und unter anderem mit dem Fall des SS-Mannes Steidtmann bundesweit für Aufsehen sorgte, erklärt: „Es ging mir um eine objektive Darstellung, egal wie die Nachforschungen ausfallen. Aber was sich ergeben hat, ist haarsträubend.“ So wurden Wolfgang Kirsch Spitzeldienste für die Stasi unterstellt, sollte er Studenten zu Verhören abgeliefert haben und als SED-Mitglied die Parteilinie restriktiv wie kaum ein Zweiter ausgelegt haben. „Davon stimmt nichts.

Auf seinem Rücken wurde Politik gemacht“, hat Joachim Jahns herausgefunden, „er hat nur ein Minimum Konzessionen an das Regime gemacht, um die Altertumswissenschaft, seine Leidenschaft, retten zu können.“ Sein Fazit lautet: Innerhalb der Universität gab es einen gewichtigen Gegenspieler, der ebenfalls SED-Mitglied gewesen war und nach der Wende selbst Karriere machte – außerhalb der Universität waren es West-Importe im Magdeburger Ministerium, die sich nachweislich als Revolutionäre am Schreibtisch sahen. Der neue Wissenschaftsminister Rolf Frick (FDP), zu DDR-Zeiten mit einem Blockparteibuch der LDPD und akademischer Karriere ausgestattet, veranlasste letztlich den Rauswurf. Eine Petitesse am Rande: Auf der Abberufungsurkunde stimmte nicht einmal die Lehrstuhlbezeichnung.

Der Fall steht exemplarisch für viele nach der Wende gebrochene Leben. Eines der Stichworte heißt Treuhand. Die Geschichte des halleschen Lateiners ist dennoch einzigartig. Zum Ersten, weil sie eine „rechtsstaatlich fragwürdige Evaluierungsprozedur“, so Joachim Jahns, offenbart. Und zum Zweiten, weil Wolfgang Kirsch etliche Fürsprecher hatte, die die Personalie auch öffentlich machten.

Beispielsweise schreibt Manfred Fuhrmann, Mitglied der Evaluierungskommission des Wissenschaftsrates für die neuen Länder, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Im Westen glaubt man manchmal mehr zu wissen, als den unmittelbar Beteiligten bekannt ist.“ Reinhard Häußler, im Westen angesehener Professor, verlässt aus Protest die Mommsen-Gesellschaft. Schließlich wird dem Geschassten 1994 – zwei Jahre nach dessen Rauswurf – sogar im Dienstzeugnis der Universität eine „internationale Anerkennung“ attestiert, zudem habe er sich „in außerordentlichem Maße für Belange des Instituts eingesetzt“.

Diese Sichtweise setzt sich jetzt, mit Erscheinen des Buches, auch offiziell an der Martin-Luther-Universität durch: Wolfgang Kirsch wird mit der Aufnahme in die sogenannte Ahnengalerie rehabilitiert, ein Porträtfoto soll an den Altphilologen erinnern. „Eine späte Gerechtigkeit und Anerkennung“, sagt Gertraude Clemenz-Kirsch, „es ist schade, dass mein Mann das nicht mehr miterleben darf.“

Andreas Debski

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