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Der Fotograf, den die Frauen lieben

Köln Der Fotograf, den die Frauen lieben

Die Kunsthalle Rotterdam und der Taschen Verlag zeigen das Lebenswerk Peter Lindberghs in einem grandiosen Bildband und einer großen Schau

Köln. /Rotterdam. Cindy, Tatjana, Helena, Linda, Claudia, Naomi, Karen, Stephanie – Namen, die jeder kennt. Gesichter, die jeder parat hat. Drapiert mit Lederkäppi im unterkühlten Marlon Brando-Stil der 60er-Jahre als coole Girlie-Band in den Straßen New Yorks. Recherchiert man zu Peter Lindbergh, taucht oft der Satz auf: Ein Foto, das 1991 die Ära der Supermodels einleitete.

Estelle, Karen, Rachel, Linda, Tatjana, Christy 1988 am Strand von Malibu. Das berühmte White Shirts-Foto. Topmodels ungeschminkt, mit windzerzaustem Haar in lässigen Herrenoberhemden und ebenso lässigen Posen. Zu lesen ist dazu oft: Dieses Foto leitete die Ära der Supermodels ein.

Naomi, Linda, Tatjana, Christie, Cindy in New York inszeniert in femininen offenherzigen Wickeltops, perfekt gestylt – mehr Schönheit in einem Bild geht ja eigentlich gar nicht. Auch hier liest man oft: Dieses Bild leitete 1989 die Ära der Supermodels ein.

Welches Bild nun genau verantwortlich ist für das Jahrzehnt der Supermodels und Hochglanzästhetik mit Starfotografen wie Lindbergh, Helmut Newton, Annie Leibovitz, Richard Avedon oder Herb Ritts, nun ja – egal. Sicher ist indes, die Ära begann Ende der 80er-Jahre und einer ihrer Hauptakteure ist Peter Lindbergh (71). Der Star-Fotograf holte, veredelte und verehrte sie alle vor seine und vor seiner Kamera: Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Helena Chistensen, Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Karen Mulder, Stephanie Seymour, Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Kate Moss. Schauspielerinnen wie Kate Winslet, Tilda Swinton, Hellen Mirren, Milla Jovovich, Musikerinnen von Tina Turner bis Madonna.

Namedropping – sicherlich. Aber Namedropping und heroisierendes Face Lifting war es auch, was die Branche in den 90ern betrieb. Doch Peter Lindbergh ist mehr als der Fotograf, der die Supermodels ablichtete. Er prägte sie auch. Er schuf sie. Lindbergh ist das exakte Gegenteil all der Casting Shows, die glauben, inflationär im Namen dieser Models über Schönheit urteilen zu dürfen. Lindbergh sagte dazu dem TV-Kulturmagazin „ttt“: „Jemandem zu sagen, dass er nicht schön ist, weil er nicht aussieht wie ein Foto aus der Vogue, ist doch ’ne Unverschämtheit. Das finde ich unglaublich, dass so was hingenommen wird.“

Seine unglaubliche Bildsprache bestätigt das. Dieser Fotograf, der eine ganze eigene, nicht jedem verständliche Auffassung von Schönheit hat, stellt in den Mittelpunkt stets die Frau – oder den Mann.

Es gibt sehr humorige Bilder Lindberghs von John Malkovich, Adrian Brody, Sylvester Stallone, Brad Pitt, David Beckham, Karl Lagerfeld oder Keith Richards.

Aber seine Liebe gilt der Frau. Der Fotograf, der die Frauen liebt. Der Fotograf, den die Frauen lieben. Er zieht sie aus, auch mal ganz wie Naomi Campbell 1988, Kristen McMenamy 1995, Nadja Auermann 1996, an und um, er inszeniert sie in phantastischen, absurden, sinnlichen Geschichten, aber stellt sie nicht bloß oder erhebt sich mit seinem Blick über sie im Stile einer Heidi Klum.

Lindbergh holt die Gesichter ganz nah heran, nimmt keine Rücksicht auf Falten, Pickel, Narben. Da spricht stets ein Gefühl aus dem Bild: Oft Sehnsucht wie bei fast allen Bildern mit Kate Moss;

manchmal Verletzlichkeit wie bei der völlig nackten Alek Wek 1997 in Paris auf einem Barhocker; Einsamkeit wie bei der Schauspielerin Robin Wright, die 2010 mit Kippe auf einem Sofa in Le Mesnil-Saint Denis sitzt; ein kräftig selbstbewusster Witz, wenn sich Linda Evangelista und Tatjana Patitz im Stil der Beatles mit Pilzköpfen und dunklen Herrenanzügen barfuß aneinander kuscheln.

Oder tiefe Traurigkeit mit Anna Nicole Smith 1994 in einer texanischen Wüste. Lindbergh zielt auf den Kern seines Models.

Vielleicht hängt das mit seiner Herkunft zusammen, die er nie verleugnete. 1944 im polnischen Lissa geboren, wuchs er in Duisburg inmitten der Zechenästhetik und Kohlenpott-Ehrlichkeit auf. Das hat er sich bewahrt und das Industriedesign des Ruhrgebiets spricht oft aus seinen Bildern. Lindbergh lernte vor seiner Fotografenkarriere Schaufensterdekorateur und sagt: „Das war damals das kreativste, was ich mir vorstellen konnte für mich.“

Die Schau mit 220 Fotos, überwiegend in schwarz-weiß, in der Kunsthalle Rotterdam (bis 12. Februar 2017) mit dazu gehörigem Buch „Peter Lindbergh – A Different Vision on Fashion Photography“ (Taschen Verlag) zeigt dieses umfangreiche Werk Peter Lindberghs wie einen ästethischen Spaziergang durch das Menschenbild des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Bilder von fast unverschämter Schönheit. Bilder verstörender Sinnlichkeit. Revolutionär, ikonographisch, heroisch und schön – und stets die Seele im Fokus.

Michael Meyer

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