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00:00 09.02.2018
Hannover

Früher war Fußball ein Spiel, das man ohne Datenbank und Einser-Abschluss bei der Fußball-Lehrer-Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie des Deutschen Fußball-Bundes gewinnen konnte. Günter Netzer erzählt über den österreichischen Kettenraucher, Menschenverachter und Meistertrainer Ernst Happel, einen Mann der 70er Jahre: „Der hat mit den Spielern nicht geredet, macht einfach, hat er gesagt, und die haben gemacht und deshalb laufend gewonnen.“

Über sein Verhältnis zu Jupp Heynckes, den aktuellen Bayern-Trainer, mit dem er während der 1970er in Mönchengladbach zusammenspielte, sagt Netzer: „Wir waren großartig, weil wir aus dem Nichts etwas gemacht haben. Es ist gelaufen und wir wussten nicht, warum es gelaufen ist.“

Damals, muss man folgern, war das „Nichts“ ein Faktor von Gewicht im Schlachtplan eines Matches. Nichts bereden, sich nichts vornehmen. Und trotzdem klappt es. Der romantische Traum vom Genie, das den Instinkten folgt, trieb hier zur Blüte. Es ist ein intellektueller Traum, einer vom unverbogenen Menschen, der sich nicht selber fremd geworden ist und weiß, was er zu tun hat. Der Traum passt in die 70er Jahre, als sich die Männer lange Haare wachsen ließen (Netzer!).

Fußball war vor allem ein Spiel, die Gehälter waren maßvoll, man rauchte eine Zigarette nach dem Match, trug keine Tätowierungen, weil die zu dieser Zeit noch in den Knast gehörten – das Milieu des Fußballs roch nach Schweiß, Proletarierethos, doch und eben auch nach Parvenüs, die ihr Geld in Sportwagen und Alkohol anlegten. Spektakel und Verderben lagen nahe beieinander. Diese Ausschläge des Schicksals wurden nicht von Datenbanken erläutert (wie viel Prozent Ballbesitz, wie viel Laufleistung?), sondern von Erzählern. Im Zweifel saßen sie in der „Bild“-Zeitung, wo sie auch heute noch sitzen.

Die Erzähler haben sich immer fürs Scheitern interessiert, weil es Wunden aufreißt, die nur langsam vernarben. Den Sieg aber genießt man eine knappe Zigarettenlänge oder für die Dauer eines halben Liters Pils vom Fass. Dann muss man sich mental schon auf den nächsten Gegner vorbereiten. Die Niederlage jedoch schwelt. Das ist großer Stoff. Gerade für Erzähler.

Leo Tolstoi eröffnet „Anna Karenina“ mit diesem Satz: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche ist auf ihre Art unglücklich.“ Jede Mannschaft, die gewinnt, ähnelt der anderen.

Jede, die verliert, tut das auf ganz eigene, qualvolle Weise.

Nick Hornby hat das in „Fever Pitch“ (1992) am Beispiel von Arsenal London beschrieben. Arsenal wurde zu jener Zeit nicht von den Oligarchen unterstützt, nicht aus Katar subventioniert. Es war ein Klub, bei dem der Wahnsinn durchregierte. Alles war drin. Glorienschein und glattes Versagen. Beides traf Hornby ins Herz.

Sein Buch durchweht die Aura der undressierten Athleten, eingefangen im Bildband „The Beautiful Game“, erschienen 2015 und zum offiziellen „Fußball-Buch des Jahres“ gekürt. Dort gibt es große Bilder aus den 70er Jahren von großen Verlierern, die holländische Nationalelf joggt mit nackten Oberkörpern am Strand, Johan Cruyff als Anführer. Das Team spielte Traumfußball, scheiterte aber während der 70er bei zwei Weltmeisterschaften im Finale. Verlieren war damals noch etwas Epochales, aus dem man tolle Bücher baute.

Auch heute scheitern die Holländer, vor zwei Jahren an der Qualifikation zur Europameisterschaft, nun fehlen sie auch bei der Weltmeisterschaft. Das sorgt vor allem für Spott, nicht mehr für Ehrfurcht, es ist kein Stoff fürs Epische.

Der Ton beim Fußball verändert sich. Es wird nicht mehr so viel erzählt, nicht fabuliert, nicht mythologisiert (denn natürlich ist Netzers Rede von den 70ern in Teilen Verklärung). Die Fernseh-„Experten“ geben einen Ton vor, der ins Zerlabern rutscht. Ähnlich dem „Zerkochen“, das dem Gemüse viele Vitamine nimmt. Das Spiel wird zermatscht, zu viel Analyse, zu viel Taktik, zu viele Daten. Der Lauf des Balles wird als Schema dargestellt, nicht mehr als spielerisches Wunder, von dem Netzer und Heynckes zu berichten wussten.

Das moderne Spiel, vollgepackt mit Geld und Taktik, wird verachtet von den treuesten der treuen Fans. Die „Ultras“ umschlingen ihre Vereine, bei Siegen weinen sie vor Glück, bei Niederlagen zerlegen sie die Straßenbahn. Bei Heimspielen von Bayern München prangt ein großes Banner: „Tod dem modernen Fußball!“ Das ist der Tenor in der Szene.

Die Ultras sind Extremisten, sie wecken das Interesse der Denker. Christoph Ruf hat 2013 das Buch „Kurvenrebellen“ geschrieben, ein kluges Kompendium über Fans, die gegen Verband und Ausrichtung des Fußballs rebellieren. Radikaler formuliert es Philipp Winkler, der in seinem Roman „Hool“ die Schlägerszene rund um den Hannoveraner Fußball ausgebreitet hat und damit 2016 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises kam: Leerer als in diesem Werk hat Fußball selten ausgesehen. Das Spiel tendiert zum Nihilismus.

Es gibt auch heute noch die Sinnsuche und das Erzählen über dieses Spiel, doch nur selten in Deutschland. Die Edition Suhrkamp hat 2010 das Buch „Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation“ von Pablo Alabarces veröffentlicht. Ein leidenschaftliches Stück Soziologie. Wenn man so will: ein Kampf um die alten Stehplätze, die jetzt durch VIP-Logen ersetzt werden.

Lars Grote

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