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Der Humba-Täterä-Schwindel

Der Humba-Täterä-Schwindel

Mainz. Im Jahre 1964 war einiges los auf unserer Welt. Martin Luther King erhielt den Friedensnobelpreis, Lyndon B. Johnson wurde mit der größten Mehrheit zum US-Präsidenten gewählt, Heinrich Lübke trat seine zweite Amtszeit als Bundespräsident an. Der 1. FC Köln wurde deutscher Meister.

Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte, errang den Schwergewichtstitel. In New York wurde das Musical „Anatevka“ uraufgeführt. Und in Mainz ein Fastnachtsschlager, der bis heute unvergessen ist: „Humba Täterä“.

Es war der 2. Februar 1964, als in der Fernseh-Fastnachtssitzung „Mainz, wie es singt und lacht“ der singende Dachdeckermeister Ernst Neger gemeinsam mit seinem kongenialen Partner,dem blinden Pianisten Toni Hämmerle, auf die Bühne des Kurfürstlichen Schlosses in Mainz schritt. Neger wie immer mit der langen Dachdeckerschürze, Hämmerle mit der Fastnachtskappe auf dem Kopf. Und dann begann der Irrsinn.

Ernst Neger stimmte „Humba Täterä“ an, eine eher simpel gestrickte Komposition von Toni Hämmerle, für die Neger den ebenfalls nicht allzu anspruchsvollen Text geliefert hatte. Das Lied schlug im Saal ein wie eine Konfettibombe, die gehobene Mainzer Gesellschaft erhob sich von den Plätzen und sang lauthals mit. Und sang lauthals weiter, auch, als Neger und Hämmerle die Bühne längst verlassen hatten. Der Sizungspräsident versuchte eine Stunde lang vergeblich, für Ruhe und Ordnung im Saal zu sorgen – keine Chance, das Publikum war außer Rand und Band. Demonstrativ begannen die Herren des Sitzungskomitees Zeitung zu lesen, irgendwie mussten sie die Zeit ja überbrücken. Um eine Stunde wurde die närrische Sendezeit überzogen, der Marktanteil der Sendung war mit 89 Prozent der höchste, der jemals gemessen worden war.

Für Toni Hämmerle war „Humba Täterä“ auch finanziell ein Erfolg, er kassierte 60000 Mark Tantiemen, damals eine horrende Summe. Aber hat er die Tantiemen zu recht kassiert? Daran gibt es Zweifel.

Denn die Melodie des Refrains hat eine verdächtige Ähnlichkeit mit der des „Weltjugendlieds“ von Anatoli Grigorjewitsch Nowikow auf. Nowikow (1896-1984) war verdienter Künstler der Sowjetunion, sein Lied für die Jugend der Welt wurde 1947 bei den „Internationalen Festspielen der Demokratischen Weltjugend“ in Prag uraufgeführt. In diesem Lied heißt es eben nicht „Humba, humba, humba täterä!“, sondern „Unser Lied die Ländergrenzen überfliegt, Freundschaft siegt! Freundschaft siegt!“ Das klingt nicht unbedingt nach Fastnacht, sondern nach gediegenem Agitprop, wie er zur Hochzeit des Stalinismus hinterm Eisernen Vorhang gepflegt wurde.

Nun standen weder Ernst Neger noch Toni Hämmerle jemals im Verdacht, Kommunisten gewesen zu sein, die gehobene Mainzer Gesellschaft im Kurfürstlichen Schloss erst recht nicht. Auf jeden Fall hatte dieser überdeutliche Plagiatsfall keine juristischen Folgen. Komponist Nowikow, inzwischen im Komponistenverband der UdSSR für die Abteilung „Massenlied“ zuständig, verzichtete darauf, Hämmerle zu verklagen. 1964 hatte man auch andere Sorgen in der Sowjetunion. Die Kuba- Krise war gerade erst bewältigt worden, Nikita Chruschtschow wurde entmachtet, Leonid Breschnew übernahm die Führung von Partei und Staat. Insgesamt standen die politischen Signale auf „friedliche Koexistenz“ – in diesem Szenario war kein Platz für eine Auseinandersetzung über die womöglich geklaute Melodie eines Fastnachtsliedes. Und so ertönt „Humba Täterä“ noch immer in jeder Kampagne und natürlich auch im Stadion von Mainz 05. Ob Toni Hämmerle das „Weltjugendlied“ im Hinterkopf hatte, als er seinen größten Schlager schrieb, wird sich nicht mehr klären lassen. Er starb 1968, Ernst Neger 1989. „Humba Täterä“ lebt weiter.

Von Jürgen Feldhoff

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