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00:00 12.09.2018
Gotland

Eigentlich wollte Jonas Jonasson keine Fortsetzung seines Weltbestsellers „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ schreiben. Der Greis Allan Karlsson blickt darin auf sein Leben zurück, in dem er durch skurrile Zufälle mit Stalin, Truman und Kim Jong-Il verkehrte und bei vielen Wendepunkten des 20. Jahrhunderts die Weichen legte.

Der schwedische Bestseller-Autor Jonas Jonasson (57) Quelle: Foto: Sara Arnald

Die Geschichte erschien 2009 in 42 Ländern, verkaufte sich in Deutschland mehr als vier Millionen Mal und machte den schwedischen Autoren über Nacht zu einem Star der europäischen Literaturszene. Im Vorwort seines aktuellen Romans erklärt Jonasson, weshalb er den Hundertjährigen zehn Jahre später doch wieder aufs literarische Parkett schickt: „Der Grundgedanke war damals der gewesen, dass wir der ganzen desaströsen Defizite dieses 20. Jahrhunderts gedenken sollten, in der Hoffnung, dass wir dann zumindest weniger geneigt wären, diese ganzen Fehler zu wiederholen. Eins steht fest: Das Buch hat die Welt so was von überhaupt nicht verbessert. Ich bekam immer mehr das Gefühl, dass die Welt defizitärer war denn je.“ Und so macht er den Hundertjährigen im neuen Romantitel zu dem, „der zurückkam, um die Welt zu retten“.

Allan Karlsson begibt sich erneut auf eine Odyssee über vier Kontinente, reist nicht durch die Weltgeschichte, sondern zu den Brennpunkten des 21. Jahrhunderts. Putin orchestriert den Auftritt Nordkoreas bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang, Trump regiert via Twitter und Kim Jong-Un biedert sich bei beiden an. Jonasson vermischt Fakten und Fiktion so geschickt, dass der Leser die Grenze nicht immer klar ziehen kann.

Einzig die deutsche Kanzlerin Angela Merkel erscheint in der Versammlung der Größenwahnsinnigen als Fels in der Brandung. Im Roman heißt es über sie: „Die Stabilität, die die Frau Kanzlerin ausstrahlte, war gut für alle Beteiligten“oder auch: „Sie war unerschütterlich wie eine uralte Eiche auf dem Feld. Um sie herum wogte das Korn wie wild, aber sie stand felsenhaft an ihrem Platz.“

Wie im ersten Teil beginnt die Geschichte an Allans Geburtstag. An seinem 100. Ehrentag stieg er gemäß dem Titel durchs Fenster seines Altenwohnheims und begab sich auf eine abenteuerliche Reise, bei dem ein Koffer voll Geld, eine Nazi-Schlägertruppe und ein pensionierter Zirkuselefant prominente Rollen spielten.

An seinem 101. Geburtstag fliegt er aus Versehen von seiner Feier an einem Strand in Bali davon, weil der Lotsenjunge des zur Feier des Tages bestellten Heißluftballons sich von der Torte ablenken lässt. Als der Ballon mitten auf dem Meer unterzugehen droht, wird Allan von einem nordkoreanischen Kriegsschiff gerettet, das Uran aus dem Kongo nach Pjöngjang schmuggeln soll. Der gerissene Greis knüpft hier an seine Erfahrungen damals mit Robert Oppenheimer und der Wasserstoffbombe an und gibt sich als Spezialist für Atombomben aus. Glatt wird er von Kim Jong-Un rekrutiert, mit dem ihn eine gemeinsame Spreng-Leidenschaft verbindet.

Begleitet wird Allan erneut von seinem Freund und Gelegenheitsgauner Julius, der im Laufe des Romans als Spargelbauer Karriere macht: Die zu Billigkonditionen im Ausland angebauten wertvollen Stängel verkauft er in Schweden unter dem Label „Aus der Region“, ohne die Region näher zu kennzeichnen. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie sich das Duo in diesem famosen Schelmenroman durchschlawinert, indem die beiden Bedürfnisse des Gegenübers erkennen und geschickt darauf reagieren.

Im gewohnt lakonischen Stil („Allan hatte nichts dagegen, auch seinen zweiten Besuch in Nordkorea zu überleben“) legt Jonasson den Finger in die Wunden der Zeit. So lässt er Trump eine nordkoreanische Pressekonferenz mittels eines Breitbart-Artikels verfolgen. „Damit wusste der Präsident über alles Bescheid, was es über diese Sache zu wissen gab, abgesehen von dem Zusammenhang als solchem.“

Allan Karlsson ist mit seiner Mischung aus Naivität, Bauernschläue und Skrupellosigkeit genau die richtige Figur zur Bespiegelung des Weltgeschehens. Selbst die Digitalisierung greift der Hundertundeinsjährige auf seine alten Tage noch auf. Denn das Tablet, in dessen Besitz er zu Beginn des Romans gelangt, verschiebt seinen Blickwinkel: „In den ersten hundert Jahren seines Lebens hatte Allan nie über die breitere Perspektive des Lebens nachgedacht. Jetzt erzählte ihm sein neues Spielzeug, dass die Welt ein ganz fürchterlicher Ort war. Und erinnerte ihn daran, warum er damals recht daran getan hatte, ihr den Rücken zu kehren, um sich nur noch um sich selbst zu kümmern.“

Jonasson, der mit seinem Sohn auf der Insel Gotland lebt, hat ein Faible für sperrige Namen und Schelmenfiguren: „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ (2013) handelte von einem Slummädchen, das Geschäfte mit dem schwedischen König macht.

„Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ (2015) von einem frustrierten Rezeptionisten und einer atheistischen Ex-Pastorin, die einen trinksüchtigen Mehrfachmörder zum Guru stilisieren. Das Wiedersehen mit dem wohl bekanntesten Greis der Literaturgeschichte kommt zur rechten Zeit. Im neuen Roman heißt es über ihn: „Man konnte ihm keine Schuld geben. Er schien nur die Eigenschaft zu haben, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Hunderteins Jahre am Stück.“

Der Autor

Jonas Jonasson ist als jüngster von drei Brüdern 1961 im småländischen Växjö geboren – eine kleine Universitätsstadt im zentralen Südschweden.

In Göteborg absolvierte Jonasson ein Sprachenstudium und wurde Journalist. 1996 gründete er ein Medienunternehmen, das bald mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigte.

Zur Jahrtausendwende ereilte den schwedischen Autor ein Burn-out-Syndrom mit Folgen: Er begann eine Therapie, zog sich aus dem Arbeitsleben zurück und verkaufte die Firma nach eigenen Angaben für gutes Geld.

Am Tiefpunkt begann Jonasson die Idee vom „Hundertjährigen“ auf Papier zu bringen. Die Handlung ist inspiriert von dem Film „Forrest Gump“.

Nina May

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