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Der Kunstarbeiter: Günther Ueckers Spuren im Land

Rostock Der Kunstarbeiter: Günther Ueckers Spuren im Land

Wustrow, Kröpelin, Schwerin und Rostock – Günther Uecker arbeitet und stellt gleich an mehreren Orten in Mecklenburg-Vorpommern aus

Rostock. Heimat, zu Hause. Es ist wie ein Heimkehren, was Günther Uecker (86) da gerade in Mecklenburg-Vorpommern betreibt. Wustrow, Kröpelin, Schwerin, Rostock – vier Stationen, zwei Ausstellungen, eine Beteiligung, die Arbeit am Strand der Halbinsel am Salzhaff mit den „Wustrower Tüchern“ und ein Filmdreh. Ein straffes Programm für den Kunstarbeiter.

Ueckers Kunst ist körperlich, brachial, wuchtig, furchtbar ernst und intellektuell, zugleich aber humorig, fein und zart. Weil sie dem Menschen gilt, weil sie das Menschsein ins Zentrum stellt und sich mit seinen Deformierungen, der Gewalt, die Menschen einander antun, der Unterdrückung, beschäftigt.

Heimkehren nach Mecklenburg-Vorpommern – ja. Aber es ist nicht so, dass Uecker, der 1930 in Wendorf bei Wismar geboren wurde und auf Wustrow aufwuchs, seiner Heimat ein Leben lang den Rücken gekehrt hat. Die Gewalt gegen die Aufstände am 17. Juni 1953 ließen ihn die DDR verlassen. „Ich bin 1953 wegen der Niederschlagung der Aufstände in Berlin, aber auch in Grevesmühlen, in den Westen gegangen.“

Dort lehrte Uecker, der in Wismar und an der Berliner Kunstakademie Weißensee studiert hatte, an der Kunstakademie Düsseldorf, lernte Otto Piene und Heinz Mack kennen und trat deren Künstlerbewegung „Zero“ bei. Stunde Null. Eine Reaktion auf das Schweigen der Elterngeneration nach Weltkrieg und Holocaust. „Im Westen habe ich eine äußerst konservative Welt kennengelernt.“ Zero hieß: Nach dieser Apokalypse, dem industriellen Massenmorden und dem Verstummen der Väter und Mütter, jener Generation, die Verantwortung trug, kann man in der Kunst nicht einfach so weitermachen. Zero stellte dem Schweigen der Täter das Kreischen der Kunst entgegen. Piene, Mack und ab 1961 Uecker glaubten an eine Phase der Un-Ruhe als Reflex auf den Holocaust. Ueckers Nagelkunst, mit der er Ende der 50er Jahre begann, war nur ein Teil dieser neuen Ästhetik des künstlerischen Widerstands in einer Zwischenzone.

In seine Heimat kehrte Uecker oft zurück. 1989 reiste er mit dem Filmemacher Michael Kluth (76) an die Ostsee und nach Dresden. Es entstand „Wie ein Bauer auf dem Feld“, die erste von 14 Dokumentationen Kluths über Uecker. Der erinnert sich an einen Aufpasser der Stasi, der beim Dreh dabei war, und über den das Gerücht ging, er bekäme 1000 Dollar pro Aufpassertag: „Das war dem total peinlich. Er war stets an unserer Seite, hat uns aber in Ruhe arbeiten lassen.“

Seit der Wende hat Uecker eine Spur seiner Arbeit durch MV gezogen. Auf Wustrow, wo sein Vater auf einem Flugplatz angestellt war, lebte er hin und wieder halb offiziell und geduldet in einem Wohnwagen, um auf der Heimathalbinsel seiner Jugend arbeiten zu können. Seine Werke zeigte der zweimalige documenta-Künstler, der in Moskau, Havanna, Sydney, Taipeh oder Venedig ausstellte, von Stralsund bis Schwerin. 2008 nahm Uecker an der OZ-Kunstbörse teil. Damals sagte er: „Ich nehme den Nagel und lasse ihn einen Schatten werfen, einen falschen Schatten wollte ich nie malen.“

Wustrow ist so etwas wie Traumatherapie und Ausgangspunkt seiner Kunst. Daher kehrt er immer wieder dorthin zurück. 2010 begann Uecker mit seiner Werkreihe „Wustrower Tücher“. Nach dem Untergang des Flüchtlingsschiffs „Cap Arkona“ am 3. Mai 1945 mit fast 7000 Todesopfern, zwangen russische Soldaten den 15-Jährigen, Leichen am Strand zu begraben. Die „Wustrower Tücher“ sind Erinnerungsarbeit, biographisches und, wie er sagt, sentimentales Arbeiten am Erinnerungswerk.

Am 17. Juni wurde in Wolfenbüttel die Ausstellung „Huldigung an Hafez“, Ueckers Iran-Zyklus eröffnet. Uecker war vor Ort und reiste dann direkt nach Wustrow. Dort arbeitete er mehrere Tage intensiv an neuen „Wustrower Tüchern“, begleitet von Michael Kluth, der einen neuen Film über ihn drehte.

Die Tücher brachte Uecker ins Staatliche Museum Schwerin. Vorher machte er einen Abstecher nach Kröpelin. In der Galerie „De Drom“ im Bahnhof hat sich Uecker die Schau „Der Himmel ist blau“ von Hubertus Wunschik angeschaut. Wunschik, der mal Bürgermeister in Kröpelin und Galerist in Düsseldorf war, kennt Uecker seit 30 Jahren. Die alte Rheinland-Connection. Uecker sagt: „Großes Kompliment.

Sehr gelungen. Das ist keine provinzielle Ausstellung hier.“ Seine Arbeit „Analphabetische Struktur“, die sich auf die Verschleierung der Frauen im Iran bezieht, war dort zwischen Werken von Künstlern aus Düsseldorf und Israel zu sehen. War Kröpelin auch Heimat? Er lacht: „Nee, wir sind nur bis Neubukow gekommen – zum Rüben aufladen. Kröpelin – das waren die Kröpelsdörfer. Da reichten wir nie hin.“

In Schwerin arbeitete Uecker Anfang der Woche an der Hängung der „Wustrower Tücher“ und dem Aufbau der „Sandspirale“, die das Museum angekauft hat. 14 Arbeiten von ihm sind nun Teil der Sammlung. Der Film von Kluth wird bei der Eröffnung gezeigt. Die Entscheidung, der klassischen Moderne dort einen eigenen Anbau zu widmen, lobt der Künstler.

Und von der Landeshauptstadt reiste er nach Heiligendamm, wo er übernachtet, während er die Ausstellung „Der geschundene Mensch“ in der Kunsthalle Rostock aufbaut. Die Ausstellung, seine Antwort auf die Gewalt in Lichtenhagen 1992, ist in fast 60 Ländern gewesen, hat 350000 Besucher angezogen. Nun sollen die 14 Kunstwerke, geht es nach dem Willen des Künstlers, in Rostock bleiben und dauerhaft gezeigt werden.

Doch die Entscheidung darüber steht noch aus, die Werke gehören dem Institut für Auslandsbeziehungen, also dem Bund. Aber, so Uecker, in diesen Tagen werde es Gelegenheit geben, darüber zu reden. Bis dahin freut er sich über die Möglichkeiten der Kunsthalle. Im „White Cube“ ist seine „Geißelmühle“ eine überdimensionierte Variante der „Sandspirale“, zu sehen. Im Obergeschoss wurden alle Zwischenwände entfernt. Die 14 „befriedeten Gerätschaften“ wie Uecker Arbeiten wie „Hindernisweg“, „Tränen“, „Feuerstelle“, oder „Aschegarten“ nennt, haben Platz zum Atmen.

Michael Meyer

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