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Kultur Der Maler und seine Muse
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00:00 03.02.2018
Rostock

„Eine zeitlose Schönheit mit einer unglaublichen Präsenz und einer wunderschönen Aura“ – so beschreibt Kunsthallenchef Jörg-Uwe Neumann Modell Kerstin Wentz. Sie ist nicht nur die Protagonistin seiner aktuellen Ausstellung, sondern schon seit 1998 das Lieblingsmodell des Leipziger Malers Erich Kissing. Auf 17 Gemälden hat Kissing die zarte und zugleich ausdrucksstarke Frau mit dem makellosen Körper verewigt. Ab heute zeigt die Rostocker Kunsthalle etwa 60 Gemälde des Künstlers und beleuchtet mit der Schau „Erich Kissing und Kerstin“ die besondere Beziehung von Maler und Modell.

„Es war Freundschaft auf den ersten Blick“, sagt Erich Kissing. „Meist wird Maler und Modell ja eine Beziehung unterstellt, aber ich bin froh, wenn die Proportionen auf dem Papier stimmen. Mit Erotik hat das nichts zu tun“, sagt er lächelnd. Dass zwischen Künstler und Muse durchaus ein enges Vertrauensverhältnis besteht, zeigen diverse Fotos, die Kissing als Vorlage für seine Gemälde geschossen hat. Sie zeigen Kerstin Wentz nackt in verschiedenen Posen im Leipziger Atelier des Künstlers. Auch Wentz, die studierte Germanistin ist, geht mit der Nacktheit völlig entspannt um. „Mein Papa war selbst Künstler, so dass die Aktmalerei mein Leben begleitet hat. Ich gehe damit ganz offen um“, sagt sie. Meist seien die Reaktionen positiv.

In der Tat ist es kein erotischer Blick, den Kissing auf sein Modell wirft, sondern eher ein bildkompositorischer Ansatz, den er verfolgt. So orientiert sich Kissing beispielsweise für seine Arbeit „Sommertag“ an dem Gemälde „Die Trinker“ von Diego Velázquez, ersetzt die Männer durch Frauen und fügt sich selbst in den Mittelpunkt des Bildes ein. Es ist das Spiel mit der Komposition nackter Körper, mit denen er gleichsam die Beziehung zwischen Mann und Frau verhandelt. Mischwesen, Kentauren oder kuriose Flugapparate bevölkern Kissings surreale Bildwelten.

Kissing, der in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer studierte, wurde maßgeblich von Tübke geprägt. Dank aufwendiger Technik und mit extrem feinem Pinselstrich arbeitet er oft mehrere Jahre an einem Bild, so dass sein Œuvre mit 64 Bildern durchaus überschaubar ist. Seine Ausstellungen sind selten, der Künstler, der in stiller Abgeschiedenheit arbeitet, zurückhaltend und bescheiden. „Umso mehr freue ich mich, dass wir seine Werkschau hier zeigen und über das Modell Kerstin auch Erich Kissing in den Fokus rücken können“, sagt Neumann.

Denn Wentz ist nicht nur Kissings Muse: Auch Leipziger Malerkollegen wie Michael Triegel, Leif Borges und Dietrich Wenzel sowie Fotografen wie der DDR-Aktfotograf Günter Rössler und Stefan Hoyer haben das Modell bereits in Szene gesetzt – jeder auf seine ganz eigene Art. Bei Leif Borges verschwimmen Traum und Realität zu farbintensiven und symbolbehafteten Bildwelten, Michael Triegel, der seine Arbeiten aus Versatzstücken der Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte kreiert, zeigt Kerstin als Persephone, Herrscherin der Unterwelt aus der griechischen Mythologie, während Günter Rössler (1926-2012) das Modell einst in Schwarz-Weiß-Aufnahmen skulpturartig aus dem dunklen Hintergrund herausgearbeitet hat.

„Gerade diese unterschiedliche Herangehensweise ist das Spannende an der Ausstellung“, so Neumann. „Meist treten die Modelle hinter den Künstler zurück, hier erzählt Kerstin selbst die Geschichte der Ausstellung.“

Und das, obwohl die MarketingAngestellte aus Leipzig, die verheiratet ist und eine Tochter hat, sonst ein eher normales Leben führt und gar nicht gern im Rampenlicht steht. „Für mich ist die Aufmerksamkeit schon ungewöhnlich, aber dennoch ist es ein sehr schönes Gefühl“, sagt Wentz.

Stefanie Büssing

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