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Der Mensch als Leidender und als Bestie

Springe Der Mensch als Leidender und als Bestie

Schreiben gegen den Albtraum: Mordechai Strigler hat schon 1945 einen Zeitzeugenbericht über den Holocaust verfasst – hellsichtig, präzise und sensibel

Springe. „Sieh mal, du bist ein Schreiber“, hat ihm ein Mithäftling aus dem polnischen Lemberg gesagt, der ihm seine nackte Flucht aus einem Viehwaggon geschildert hatte.

„Du wirst dich schämen, über solche Sachen zu schreiben, du wirst nur schöne Reden und Wunder suchen. Die graue Wahrheit wirst du ständig ersticken.“ Vielleicht sind es diese Worte, die Mordechai Strigler bewegt haben, nach der Befreiung aus Konzentrations- und Arbeitslager seine Erlebnisse niederzuschreiben. Er legt ein Gespür für die Bedeutung seines Zeitzeugenberichts über das KZ Majdanek an den Tag, das auch 70 Jahre später überraschend erscheint. „Man muss es für alle Zeit festhalten“, notiert er in seinem 1945 in Paris verfassten Bericht. Darin erklärt er seine Absicht, das Grauen des Holocaust zu beschreiben, ohne dessen Opfer als „engelsgleich“, als „Helden“ oder „Märtyrer“ zu schildern.

Allein deshalb scheint das Buch unerhört aktuell. Auch dadurch, dass Strigler damit quer zur erst späteren (Nicht-)Bewältigungsliteratur steht, die Tabuisierung, Verdrängung und Beschweigen des Holocaust thematisiert. Das gab es auch unter Opfern. „Jede Nacht kehrt er nach Auschwitz zurück“ – so zitiert Margret Greiner in ihrem Buch „Miss, wie buchstabiert man Zukunft?“ die Worte einer Jerusalemer Nachbarin über das KZ-Trauma ihres Mannes. Der Satz illustriert, dass viele Holocaust-Überlebende zwar lebenslang von ihrem Leiden träumen, aber nur wenig darüber mitteilen.

Dass es Sonderfälle gibt, demonstriert Striglers Buch, das er 1945 auf Jiddisch geschrieben hat, das 1946 in Argentinien veröffentlicht wurde und das jetzt auf Deutsch vorliegt: „Majdanek. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager“. Strigler dokumentiert sensibel wie hellsichtig und präzise, dass man auf das Grauen des Holocaust außer mit Albträumen auch mit präziser Beschreibung reagieren kann. Genau beschreibt der 1918 in Zamosc in Polen geborene Strigler das infame Spiel der Lageraufseher mit illusionären Hoffnungen der Häftlinge. Wie die Auflösung des Lagers in seiner Geburtsstadt mit der Aussicht auf eine bessere Unterbringung im nächsten Lager verknüpft wird. Dabei heißt die nächste Station „Majdanek“, und besser wird überhaupt nichts. Mit kühlem Blick hält Strigler nächtliche Meuchelmordserien an Häftlingen fest, deren Leichen der jüdische Lagerarzt morgens zur Verbrämung der Untaten einen „natürlichen“ Tod attestieren muss. „Denn der Tod im KL ist natürlich“, brüllt der Oberscharführer. Genau geschildert wird die Hierarchie im Lager, von der SS über Lagerälteste und „Tellerlecker“ (die genau das als Privileg genießen durften) bis zu einfachen Häftlingen, Alten, Kranken. Er nimmt sich Figuren wie Karl Johann Galka vor, den er als „außergewöhnlich schönen jungen Mann mit einem zeitlos milden Lächeln im Gesicht“ beschreibt, bevor er schildert, mit welcher Wonne dieser „Wiener Kapo“, der erst 1979 gerichtlich belangt wurde, seine Opfer mit bloßen Händen erstickte, meist noch einmal los- und Hoffnung schöpfen ließ – bevor er endgültig zudrückte. Geradezu prophetisch deuten Passagen auf antijüdische Projektionen und Schuldzuweisungen voraus, wie sie Jahrzehnte später Historiker wie Ernst Nolte oder der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann ins Feld geführt haben – der jetzt für die AfD im Fuldaer Kreistag sitzt.

Ebenso wie dieses Entlastungsmuster für Täter beobachtet Strigler in Majdanek Ansätze jenes Traumas, das Therapeuten als „Überlebensschuld“ diagnostizieren werden. „Hat es sich gelohnt?“, zitiert Strigler den aus dem Viehwaggon gesprungenen Häftling. „Dass ich als Nackter gesprungen bin? Bin doch auch ich an Leib und Seele geschändet und gegen meinen Willen gezwungen worden, durch das Geschrei meines Leibes andere zu schänden!“

Man merkt: welches Leid Menschen ertragen können, aber auch, wozu die Bestie Mensch imstande ist. Wie aktuell eine siebzig Jahre alte Zeugenaussage sein kann, wie weitsichtig man schon 1946 spätere Projektionen, Verdrängungen und Schuldzuweisungen vorausahnen kann, das führt Striglers Buch vor Augen.

Mordechai Strigler: „Majdanek. Ein

früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager“. Zu-Klampen-Verl., 228 Seiten

Daniel Alexander Schacht

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