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Kultur „Der Messias“ in Rostock – gewagt, getanzt, bejubelt
Nachrichten Kultur „Der Messias“ in Rostock – gewagt, getanzt, bejubelt
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00:01 07.11.2016
„Der Messias“ am Volkstheater mit Elena Fink (Sopran/l.), Jasmin Etezadzadeh (Alt) und Tänzern der Tanzcompagnie Quelle: Fotos: Dorit Gätjen (2)/ove Arscholl

„Der Messias – Katja, du bist verrückt.“ Bei der Premierenfeier im Foyer des Volkstheaters fiel ein guter Freund Katja Taranu, in die Arme. Nun, Mut, Wagemut, Übermut oder ob die Leiterin der Tanzcompagnie in strukturell bitteren Zeiten einfach mal vom Wahnsinn geküsst wurde – es liegt oft nahe beieinander. Der Messias, das bekannteste christliche Chorwerk, das wegen des barocken Pop Händels für lithurgische Zwecke nie geeignet war, hat Taranu als Gesamtensembleleistung in Rekordzeit inszeniert. Das komplexe zweieinhalbstündige Oratorium wurde bisher erst einmal als Tanz auf die Bühne gebracht. Getraut hat sich das – indes ohne Chor und Schauspiel – bisher nur ein gewisser John Neumeier mit dem Hamburg Ballett.

Katja Taranu inszeniert Händels Oratorium als grandioses Tanz- und Musiktheater

Hier in Rostock mit acht Tänzern und 24 Sängern im Opernchor – das Oratorium wurde nach seiner Uraufführung 1742 in Dublin immer bombastischer und 1881 in New York mal mit 2700 Sängern zu Gehör gebracht – hat das Ensemble auch noch einen kleinen Weltrekord hingelegt. Taranu hatte zwischen Idee und Premiere neun Monate Zeit, die Tanzproben dauerten acht Wochen! Es folgte vor fast 500 Gästen eine Geburt ohne lange Wehen oder großen Pressschmerz. Ein prächtiger Bursche, ein Jesuskind, das sich sehen lassen kann, ist da am Sonnabend in Rostock zur Welt gekommen. Das ganze Unternehmen ist sehr ambitioniert und gewagt, aber der Mut wurde belohnt. Taranu gelingt es, in starken, schönen, leichten Bildern Tänzer, Gesangssolisten und Opernchor in tänzerischer Weise zu einer Art Klang- und Bewegungskörper verschmelzen zu lassen. Mit hübschen Ideen, wie der des Tänzers, der wie ein staunend, jubilierend Pubertierender zwischen dem Chor herumschleicht, als hätte er vergessen, die Bühne zu verlassen, während Christi Wundertaten verkündet werden. Oder der prägnanten Tanztheatergestik, die sich zu einer Art Tick entwickelt und in einer verschwörerischen Gebärdensprache mündet. Tänzer, die als bedrohliche, riesige Schatten hinter Milchglas agieren und die Solisten als Marionetten benutzen. Die Tänzer schleichen wie Zwischenwesen, mal Engel, mal Jünger, mal Verkünder der christlichen Botschaft, die sich in einer Art religiöser Gemeinschaft über Tattoos identifizieren, zwischen Chor und Solisten herum, tanzen solo, spielen im Duett, formen Gruppenbilder und erzählen die Jesusgeschichte in Bewegung. Sie werden zu einer zweiten Lese- oder Leidensebene zwischen großartiger Norddeutscher Philharmonie, einem starken Opernchor, der dieses grandiose Gesangswerk mit voller Wucht annimmt, und glänzenden Solisten.

Das ist stark, aber nie bombastisch, einprägsam, aber nicht überfrachtet. Dazu eine sparsame Bühne, die mit Schanzen als stilisierter Kathedrale diesem Werk seinen Raum lässt. Rollende Milchglaselemente, die das Ensemble als Raum und die Tänzer als Partner nutzen. Sehr eindrucksvoll das Finale, eingeleitet mit dem Halleluja und dem Kirchenschiff als Schutzraum, den die Tänzer liebevoll um die Menschen herum schließen.

Im Messias – mit einem Libretto aus alt- und neutestamentarischen Texten, die sich an das Volk Israels richten – geht es um das Leben, Leiden und die Auferstehung Christi. In der zweiten Leseebene um die Menschwerdung, die Suche nach einer Metaebene. Nach mehr im Leben als Schuften und Scheffeln. Hochaktuell also in einer Zeit, in der jeder nicht materielle Wert dieser Gesellschaft einer Controller-Matrix unterjocht ist.

Händel, der Michael Jackson des Spätbarock, hat nicht nur tanzbare, sondern Tanzmusik komponiert, gerade im Messias, der als Unterhaltung angelegt war. Es wundert also nicht, dass Katja Taranu das in Rostock gewagt hat, sondern dass das noch nicht früher der Fall war. Ihr Wagemut wurde belohnt. Das letzte Amen im 48. Chor war noch nicht verklungen, da war der erste Applaudatio praecox zu hören.

Stehender, tobender Beifall glatte zwölf Minuten lang.

Michael Meyer

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