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Nachrichten Kultur “Der Neue“: Shakespeare auf dem Schulhof
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13:45 09.09.2018
Von Historienromanen zu einer modernen Shakespeare-Adaption: US-Autorin Tracy Chevalier verlegt “Othello“ auf den Schulhof. Quelle: Nina Subin
Hannover

Chevalier ist das französische Wort für Ritter. Der Name passt zu einer Autorin, die für ihre historischen Romane – allen voran “Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ – bekannt ist, die Geschichten über gekränkte Ehre, ritterliche Gesten und romantische Verirrungen schreibt.

Tracy Chevalier hat ihren vollmundigen Namen von ihrem Vater geerbt. Die US-Autorin sieht sich selbst jedoch eher in anderen Traditionen, wie sie im Interview sagt: “Ich stamme aus der Mittelschicht, und meine Vorfahren aus der Schweiz und Frankreich waren Uhrenmacher und Gastwirte, keine Kämpfer aus der Aristokratie.“

Chevalier wuchs in Washington D.C. in einem multikulturellen Viertel auf – im USA der Sechziger- und Siebzigerjahre eine Seltenheit. In ihrer Schulklasse war sie eine der wenigen Weißen. Die Erfahrung, ungewollt aus der Masse herauszustechen, inspirierte die 55-Jährige zu ihrem jüngsten Roman. In “Der Neue“ erzählt sie Shakespeares Othello-Tragödie neu. In den Siebzigerjahren kommt der afrikanische Diplomatensohn Osei mitten im Schuljahr neu in eine Klasse.

“Habe Geschmack davon bekommen, was es heißt, in der Minderheit zu sein“

Er ist der einzige Schüler mit dunkler Hautfarbe, Klassenkameraden und Lehrer begegnen ihm mit Vorurteilen und Hass. Die beliebte Dee indes ist neugierig auf den Neuankömmling mit den schönen Haaren. Als der Pausenhoftyrann Ian mit den Gefühlen von Osei und Dee spielt, kommt es zur Katastrophe.

Die Autorin erzählt im Interview: “In meiner Grundschulklasse war ich damals eine von drei Weißen unter 30 Schülern. Also habe ich einen Geschmack davon bekommen, was es heißt, in der Minderheit zu sein. Bis zum zehnten Lebensjahr spielte die Hautfarbe bei uns keine Rolle. Mit der Pubertät aber war Anderssein plötzlich ein Thema, und ich wurde ein bisschen gehänselt. Das geschah aber auch, weil ich dick war und eine Brille trug, Hautfarbe war also nur einer von mehreren Faktoren, die mich zum Fremdkörper machten.“

Sie hätte in ihrem Roman ihre eigenen Erfahrung verarbeitet, aber die Konstellation umgedreht und wie Shakespeare den einzelnen Schwarzen unter Weißen zum Protagonisten gewählt.

Tracy Chevalier: “Der Neue“, Knaus, 200 Seiten, 18 Euro. Quelle: Verlag

Chevalier macht den venezianischen Feldherren also zum Schüler, Eifersucht und Intrigen sind die bekannten Themen. Die Übertragung des Stoffes funktioniert. Die Geschichte spielt in den Siebzigerjahren, die Lehrer stellen ihren Rassismus unverhohlen zur Schau. Der Leser überwindet die zeitliche Distanz zum Heute, denkt unwillkürlich an US-Polizisten, die auf unbewaffnete Schwarze schießen und an all die Flüchtlingskinder, die in Europa womöglich einen ersten Schultag wie Osei erleben.

Auch wenn Ressentiments in Klassenzimmern heute vermutlich oft subtiler zum Ausdruck gebracht werden, prägen sie doch das Leben der Betroffenen, wie die aktuelle #MeTwo-Debatte zeigt. Auch Chevalier denkt, dass ihre Geschichte ebenso gut heute spielen könnte. “In großen Städten herrscht Diversität und mehr Respekt für andere Kulturen. Aber es gibt immer noch viele Schulen mit fast ausschließlich weißen Schülern. Dort kann es zu Spannungen kommen, die wahrscheinlich eher unter der Oberfläche zu spüren sind.“

Die Autorin zeigt sich jedoch in einer Hinsicht erleichtert: “Lehrer können heute hoffentlich nicht mehr damit davonkommen, sich so offen rassistisch zu verhalten wie in meinem Roman. Sie würden gefeuert werden.“

Bestseller und oscarnominierte Verfilmung

Die Autorin ist bislang vor allem für Historienromane bekannt. Mit ihrem Weltbestseller “Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (1999) prägte sie das öffentliche Bild des niederländischen Barockmalers Jan Vermeer. Chevalier erfand eine Geschichte zu einem berühmten Gemälde Vermeers. Das junge Mädchen, das dem Maler mit lasziv geöffneten Lippen und Perlenschmuck Modell stand, machte die Autorin in der Fiktion zum jungen Hausmädchen Griet, die zur Muse des Malers wird und die Eifersucht seiner Ehefrau auf sich zieht.

Die sinnliche Kunstromanze schrieb Chevalier in nur acht Monaten nieder, kurz vor der Geburt ihres Sohnes. Es wurde eins der erfolgreichsten Bücher des Jahres, Peter Webbers Filmadaption aus dem Jahr 2003 mit Colin Firth und Scarlett Johansson in den Hauptrollen in drei Kategorien für den Oscar nominiert.

Auch in “Der Kuss des Einhorns“ (2004) spürte die Autorin dem Rätsel eines Kunstwerks nach und entschlüsselte die berühmte Wandteppich-Reihe aus der Renaissance, die eine Dame mit einem Einhorn zum Zentrum hat. “Der Ruf der Bäume“ (2017) ist das Porträt einer dysfunktionalen Pionierfamilie in Zeiten des Wilden Westens.

Scarlett Johansson in der Filmadaption “Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ Quelle: Verleih

In “Der Neue“ zeigt Chevalier jetzt einen anderen Stil, an die Stelle von üppigen historischen Beschreibungen tritt minimalistische Schilderung. Die nüchterne Sprache steht im reizvollen Kontrast zu den hochkochenden Emotionen, die in der Geschichte beschrieben werden.

Für die Schriftstellerin war es zunächst ungewohnt, bei dem jüngsten Roman einfach mit dem Schreiben loslegen zu können, ohne zuvor intensive historische Studien zu betreiben. “Die zeitliche Distanz zum Geschehen ermöglicht es mir zudem, in meinen Historienromanen eine Perspektive als Künstlerin zu entwickeln. Danach musste ich diesmal erst suchen. Während des ersten Entwurfs fühlte sich das Schreiben wie eine intellektuelle Spielerei an, erst bei der Überarbeitung schaltete sich neben meinem Kopf auch das Gemüt ein.“

“Außenseitergeschichten haben mich schon immer interessiert“

Chevalier lebt heute mit ihrer Familie in London. Als Mitglied der Royal Society of Literature fungiert sie als Jurorin und kuratiert Ausstellungen. “Der Neue“ ist Teil einer Reihe von Shakespeare-Neuinterpretationen, die im Hogarth Shakespeare Project in 20 Ländern erscheinen.

In Deutschland gab der 400. Geburtstag des Barden im Jahr 2016 den Auftakt. Im Knaus Verlag sind seitdem unter anderem Margaret Atwoods Version von “Der Sturm“, Jo Nesbos “Macbeth“, Edward St Aubyns “König Lear“ und Anne Tylers “Der Widerspenstigen Zähmung“ erschienen.

Tracy Chevalier erklärt, weshalb sie sich gerade diese Geschichte aus dem reichen Werk Shakespeares herauspickte: “Solche Außenseitergeschichten haben mich schon immer interessiert. Othello steht für eine fremde Kultur. Damit kann ich mich als Amerikanerin, die in Großbritannien lebt, identifizieren.“

Von Nina May

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