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Kultur Der Riss in Tannhäuser und das Verbindende einer Grenze
Nachrichten Kultur Der Riss in Tannhäuser und das Verbindende einer Grenze
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00:00 26.11.2016
Michael Baba als Heinrich, genannt Tannhäuser – als rast- und ruhelos suchender Mensch, als Zerrissener. FOTO: VINCENT LEIFER

. „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“, lauten die letzten Worte in Goethes Dichtung über Heinrich Faust. Klingt pathetisch, versöhnlich, auch naiv. Am Theater Vorpommern kommt heute Abend ein ganz anderer Heinrich auf die große Stralsunder Bühne: Der Titelheld aus Richard Wagners Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“. Den zieht das „Weibliche“ nicht hinan, es zerreißt ihn. Schwankend zwischen der Liebesgöttin Venus und der schönen Seele Elisabeth ist er hin- und hergerissen zwischen purer Sinneslust und platonischer Anbetung, zwischen freiheitlich-anarchischer Welt des Venusbergs und den heuchlerischen Moralkonventionen der offiziellen Welt des Sängerwettstreits über das Wesen der Liebe. Tannhäuser zerbricht in diesem Zwiespalt, den der Kunstrebell Wagner (1813-1883) seiner erzkonservativen und bigotten Gesellschaft als Spiegel vorhielt – damals, 1845, im vorrevolutionären Deutschland.

„Tannhäuser“-Termine

Theater Stralsund: 26. November, 18 Uhr (Premiere), 30. Dezember, 21. Januar

Greifswald: 27. Januar, 26. März

Stettin: 31. März, 2. und 8. April

Die Titelpartie am Theater Vorpommern hat als Gast Michael Baba übernommen. Der Tenor war bereits an anderen Häusern in Wagner-Partien zu erleben, darunter als Tristan oder Parsifal. „Eigentlich habe ich alle Wagner-Opern gesungen, nur Lohengrin und Tannhäuser fehlen in meinem Repertoire“, sagt er. Der berühmte Wagner-Sänger René Kollo habe ihm mal gesagt: „Wenn du Tannhäuser machst, dann erst ganz zum Schluss.“ Das sei eine ungeheuer anspruchsvolle Partie. Baba erklärt: „Anspruchsvoll für den Kopf, man muss diese Konflikte in ihrer Tiefe verarbeiten können.“ Und es sei ein Stück ohne Ruhepunkte für den Helden, es erfordere viel Kraft.

Tannhäuser ist in dieser Inszenierung durchaus „faustisch“ angelegt, als rastloser, ewig suchender Mensch. „Er ist einer, der immer wieder auf neue Umstände stößt, sich aber wenig mit deren Konsequenzen auseinandersetzt, sondern davor flieht“, meint Michael Baba. Das habe viel mit Wagners eigenem Leben zu tun. Mit Operndirektor Horst Kupich traf der Sänger in Vorpommern einen Regisseur wieder, der einst an der Musikhochschule „Hanns Eisler" in Berlin sein Studienkollege war. Und mit Generalmusikdirektor Golo Berg steht ein Dirigent am Pult, mit dem Baba bereits mehrmals an anderen Häusern gearbeitet hat. „Unsere Zusammenarbeit in Stralsund war hervorragend“, sagt Baba über die zurückliegenden Probenwochen in Stralsund. „Es war ein gemeinsames Suchen, Diskutieren, gegenseitiges Bereichern“.

Noch ein anderes günstiges Zusammentreffen ergab sich: Nach den Vorstellungen an der Ostseeküste wird Baba ab Mai die Partie des Tannhäuser an der Bayerischen Staatsoper (als Zweitbesetzung) übernehmen und damit zum Japan-Gastspiel reisen.

„Tannhäuser“ ist die zweite Wagner-Oper am Theater Vorpommern innerhalb kurzer Zeit – nach „Lohengrin“ mit der Premiere im Wagner-Jahr 2013. Und im Opernbereich ist es die zweite Kooperation mit dem Stettiner Opernhaus. „Eine Grenze muss eben nicht trennen, sie kann auch verbinden“, sagt Jacek Jekiel, der Direktor der Opera na Zamku w Szczecinie.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Zusammenarbeit, die im Rahmen des EU-Projekts Trans-Opera mit 280000 Euro gefördert wird, gerade mit Wagner so fruchtbar wächst. Immerhin hatte sich das frühere Deutschland, das vor nicht mal 80 Jahren Polen überfiel und im Zweiten Weltkrieg dort furchtbare Kriegsverbrechen beging, damals besonders intensiv mit Wagners Musik geschmückt.

Das erklärt, warum der Komponist bisher in Polen selten auf dem Spielplan steht. Der „Lohengrin“ mit dem Theater Vorpommern von 2013 war die erste Wagner-Oper in Stettin nach 1945. „Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Opernkomponisten“ habe sich entspannt, sagt Dirk Löschner, der Intendant des Theaters Vorpommern, man müsse heute nicht mehr in jedem Programmheft auf den Antisemitismus Wagners hinweisen. „Wagner hat nicht Hitler verschuldet, er wurde von diesem benutzt.“

Auch in der praktischen Arbeit mit dem Stettiner Opernchor sind Vorbehalte gegenüber Wagner nicht zu spüren. Tenor Michael Baba, der vor fünf Jahren den ersten Parsifal seit 1913 in Breslau gesungen hat, bestätigt, dass es ein großes Interesse in Polen gebe: „Damals in Wroclaw und jetzt in Stralsund erlebte ich eine große Aufgeschlossenheit der polnischen Kollegen für Wagners Musik.“

Dietrich Pätzold

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