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Berlin Der Spielmacher

Bei den Festspielen Wismar übernimmt Sascha Gluth eine tragende Rolle – als künstlerischer Leiter und in der Rolle des „Faust“, der morgen Premiere feiert. Ein Besuch bei den Proben in Berlin.

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Erprobt: Mario Ramos als Mephisto und Sascha Gluth als Faust

Berlin. Zwölf Uhr mittags in Berlin-Moabit. Graffiti im Breitwandformat überziehen die Wände eines Hinterhofs. Die Schauspieler des „Faust“, der hier in der Turnhalle einer ehemaligen Schule einstudiert wird, haben sich vor der Sommerhitze an die Biertische und -bänke im Blätterschatten zurückgezogen: große Pause. Sascha Gluth kommt, schlank, blond, unübersehbar attraktiv – und frisch vom Friseur, das bleibt nicht unkommentiert. „Du hast die Haare schööön“, flötet Mario Ramos, der auch außerhalb der Proben mit diabolischer Freude so unvermittelt in die Rolle des Mephisto wechselt, dass man nicht weiß, wer gerade spricht. Sascha Gluth grinst nur: „War auch dringend nötig.“

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Bei den Festspielen Wismar übernimmt Sascha Gluth eine tragende Rolle – als künstlerischer Leiter und in der Rolle des „Faust“, der morgen Premiere feiert. Ein Besuch bei den Proben in Berlin.

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Der ’Faust’

ist das aktuellste Gegenwartstück,

das ich mir im Moment vorstellen kann.“ Holger Mahlich, Regisseur

Viel Zeit bleibt nicht mehr. Das Ensemble um Regisseur Holger Mahlich, das mit Goethes „Faust“ die Festspiele Wismar eröffnet, liegt im Endspurt, und unter den lockeren Scherzen flimmert eine nervöse Anspannung wie die heiße Berliner Luft über dem Asphalt des Pausenhofs. Schauspieler und Regisseur sind ein eingespieltes Team, viele kennen sich aus jahrelanger Zusammenarbeit, etwa bei den Störtebeker Festspielen auf Rügen, wo Sascha Gluth elf Jahre den berühmten Freibeuter verkörpert hat. Als Regisseur Holger Mahlich 2012 nach zehn Jahren die Seebühne Ralswiek verließ, wollte Gluth sich von seiner Figur lösen und die Regie beim „Störtebeker“ übernehmen, allein, es ging nicht lange gut: „Künstlerische Differenzen“ beendeten die Ära Störtebeker, für Sascha Gluth eine große „menschliche Enttäuschung“.

„Faust ist ein ewig Unzufriedener“

Der 46-jährige Schauspieler und gebürtige Rostocker ist keiner, der gerne das Handtuch wirft. Wenn Gluth für eine Sache brennt, will er das Beste herausholen, aus sich, dem Stück, dem Ensemble und sucht Vertrauen und eine enge, freundschaftliche Zusammenarbeit – wie mit seinem langjährigen Gegenspieler Ramos, mit dem Regisseur, seinen Kollegen Robert Glatzeder und Andres Conrad oder Ehefrau Julia Horvath, die ebenfalls zum Ensemble der Festspiele Wismar gehört, und die er 2004 als „Störtebeker“ kennenlernte.

„Aus diesen gewachsenen Beziehungen hat sich immer wieder Neues entwickelt. Das zählt für mich zum Schönsten, was daraus entstehen kann – abgesehen davon, dass ich darüber meine Frau kennengelernt habe“, sagt Sascha Gluth. Wo eine solche Basis fehlt oder nicht herzustellen ist, wie zuletzt in seiner Heimatstadt – Gluth war 2014 nach nur einer Inszenierung unter Sewan Latchinian wieder von der Bühne des Theaters Rostock verschwunden –, wirft er dann lieber doch das Handtuch als auszuhalten. Wenn’s aber stimmt, wird der große Blonde schnell zu einem zentralen Spielmacher. Deshalb findet man ihn nun hier als Dr. Faustus, in der Maske gerade optisch um einige Jahre gealtert, mit dunklen Schatten unter den Augen, tiefen Falten und Kinnbart.

In ihrem dritten Jahr präsentieren die Festspiele Wismar neben dem etablierten „Jedermann“ auch den „Faust“ auf der Bühne der Georgenkirche. Sascha Gluth spielt beide Titelrollen und fungiert zudem als künstlerischer Leiter der Festspiele. Der „Faust“, sagt er, sei nicht nur das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. „Er ist auch das aktuellste. Dr. Faustus nimmt in seinem Anspruch, die Welt nach seinem Bild zu formen, sie sich untertan zu machen, egal was es kostet, die Selbstüberhöhung des Menschen und Individualisierung der Gesellschaft vorweg!“

Eine Traumrolle? „Ja. Aber vor allem ist es eine Traumkombination, diese Rolle mit Holger Mahlich zu erarbeiten“, sagt Gluth. „Holger ist ein Goldfeiler, exzessiv in der Vorbereitung, was einen bei einer 7-Tage-Woche auch an den Rand der Leistungsfähigkeit bringt.“ Und Faust, sagt Gluth, sei ein zu ihm selbst doch sehr konträrer Charakter – eine schauspielerische Herausforderung. „Faust ist ein ewig Unzufriedener. Er will den Göttern gleich sein und muss sich doch damit zufrieden geben, dass er nur ein Mensch ist. Ich bin sehr viel lebensbejahender und geerdeter, ich kann mich auch relaxed in den Garten legen und die Kinder hüpfen lassen – aber das Hinterfragen, diese Rastlosigkeit, die sich ins Körperliche überträgt, das sind schon ähnliche Wesenzüge.“

„Schauspieler ist ein

schwieriger Beruf“

Sie ist spürbar, diese Unruhe, hinter aller Gelassenheit, die Sascha Gluth trotz des Probendrucks ausstrahlt. Sie wurzelt in einem tiefen Ehrgeiz und dem Anspruch, den „Faust“, diesen zeitlosen Klassiker des deutschen Theaters, als modernes, zeitgemäßes Stück zu präsentieren. Dafür investieren sie alle hier ihre Talente und ihre Zeit, proben sieben Tage die Woche für eine Aufwandsentschädigung; Honorar bekommen die Schauspieler nur für die Aufführungen. „Da steckt viel unentgeltliche Arbeit drin, sonst würde es gar nicht funktionieren“, sagt Gluth. Das Land halte sich bislang finanziell zurück: „Auch im dritten erfolgreichen Jahr der Festspiele müssen wir betteln gehen. Wenn wir gefördert würden, könnte man diese Arbeit hier zumindest im Ansatz honorieren.“

Warum er es trotzdem tut? Er sei schon in der 7. Klasse beim Rostocker Schülerkabarett „Klabauterschüler“ mit der Spielfreude infiziert worden, sagt Sascha Gluth. Eigentlich hatte er nach bestandener Aufnahmeprüfung das Studium an der Schauspielschule Leipzig schon in der Tasche – er sei dann aber doch abgelehnt worden, wohl weil er sich nicht fürs Wachregiment habe verpflichten wollen. Gluth ging als Regieasistent ans Rostocker Theater, dann zu den Freien Kammerspielen nach Leipzig, machte 1994 die Bühnenreife. Gerade hat er noch ein Studium in Kultur- und Medienmanagement in Hamburg abgeschlossen: „Schauspieler ist ein schwieriger Beruf. Man ist gut beraten, wenn man nicht davon leben muss.“

Sascha Gluth blickt als künstlerischer Leiter der Festspiele über den Bühnenrand hinaus mit dem Ziel, Wismar als Festspielort in Mecklenburg-Vorpommern fest zu verankern. Ein durchaus ehrgeiziges Ziel, ein Streben nach Größerem, Höherem als nur der nächsten Premiere – auch das hat er vielleicht mit seiner Figur, dem Faust, gemein. Jetzt aber kommt erst einmal Ehefrau Julia ans Set und bringt das Mittagessen in den Pausenhof: Lasagne aus der Aluschale – das „Pausenbrot“ für den Spieler.

Regine Ley

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